Kleist (Heinr. Bernt Wilh. von), deutscher Dichter, geb. 18. Okt. 1777 (nicht, wie gewöhnlich angegeben wird, 10. Okt. 1776) zu Frankfurt a. O., machte als Junker im preuß. Kriegsdienste 1795 den Feldzug am Rhein mit, nahm als Sekondelieutenant den Abschied, studierte von Ostern 1799 bis Sommer 1800 in seiner Vaterstadt Philosophie und Mathematik, und arbeitete hierauf einige Zeit im Finanzdepartement zu Berlin. Nachdem er seinen Aufenthalt vielfach gewechselt hatte, trat er 1804 wieder in den preuß. Staatsdienst und ward als Diätär bei der Domänenkammer nach Königsberg versetzt, gab aber schon 1806 diese Stellung auf, um sich ganz der Dichtkunst zu widmen. Auf der Reise von Königsberg nach Dresden wurde er 1807 Berlin von den Franzosen zum Kriegsgefangenen erklärt, nach Frankreich geschafft und dort mehrere Monate lang gefangen gehalten. Nach seiner Freilassung begab er sich nach Dresden, wo er in Gemeinschaft mit Adam Müller das Journal „Phöbus » (1808) herausgab. Er ging dann nach Berlin, wo er die «Abendblätter » (1810—11) redigierte. Hier lernte er Frau Henriette Adolfine Vogel kennen, zu welcher ihn die Sympathie ihrer trüben Stimmungen und gemeinsame Liebe zur Musik in ein näheres Verhältnis brachte, und die ihm das Gelübde abnahm, ihr einen Dienst zu leisten, sobald sie ihn fordern werde. Kurz darauf forderte sie ihn auf, sie zu töten. K., schon längst an sich und dem Vaterlande verzweifelnd und in gedrückter Lage, erschoß 21. Nov. 1811 am Wansee bei Potsdam erst die Freundin und dann sich selbst. K.s reiche dichterische Begabung, vielfach mit den Grundrichtungen der romantischen Dichterschule rmißt, sind unter C aufzusuchen. zusammenfallend, war gestört durch eine übermäßige Reizbarkeit und Neigung zu selbstquälerischem Grübeln und Grollen. Dennoch gehören seine Dichtungen zu den wertvollsten der Neuzeit. Wirkliche Gestaltungskraft, feste sichere Zeichnung und lebensvolle Ausführung bleiben ihre großen Vorzüge. Seine Trauerspiele sind „Die Familie Schroffensteino (Zür. 1803) und »Penthesilea » (Tüb. 1808), die Lustspiele Amphitryono (nach Molière, Dresd. 1807) und «Der zerbrochene Krugo (Berl. 1811), die Schauspiele Käthchen von Heilbronn »(Berl. 1810), «Die Hermannsschlachto und «Der Prinz von Homburgo; die beiden letztgenannten, seine vollendetsten Dramen, wurden erst 1821 von Tieck in K.s «Hinterlassenen Schrifteno bekannt gemacht. Seine «Erzählungen »v(2 Bde., Berl. 1810, 1811), unter denen sich namentlich Michael Kohlhaas v als ein Meisterstück auszeichnet, bekunden ein überaus reiches novellistisches Talent, wenn auch sie ebensowohl wie seine Dramen hier und da krankhaft gefärbt sind. Seine «Gesammelten Schrifteno gaben Tieck (3 Bde., Berl. 1826), Julian Schmidt (Berl. 1859 fg.; neuere Ausg., 3 Bde., 1874), Heinrich Kurz (2 Bde., Hildburgh. 1868), E. Beran⸗ (2 Bde., Lpz. 1884), Zolling (Stuttg. 1884) heraus. Hierzu kommen noch Köpke, «Heinrich von K.s polit. Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken» (Berl. 1862) und Köhler, Zu Heinrich von K.s Werken etc.y (Weim. 1862). «Ausgewählte Dramenv von K. gab Siegen heraus (Lpz. 1877). Briefe K.s wurden herausgegeben von E. von Bülow (Heinrich von K.s Leben und Briefev, Berl. 1848), Koberstein (Heinrich von K.s Briefe an seine Schwester Ulriker, Berl. 1860), Biedermann (Heinrich von K.s Briefe an seine Brauto, Bresl. 1884). Vgl. Wilbrandt, «Heinrich von K.y (Nördl. 1863); Brahm, „Heinrich von K.» (Berl. 1884).