FeedKultus (lat.)
ReligionBrockhaus 1882

Kultus (lat.), eigentlich Pflege, Verehrung, ist der stehende Ausdruck für die Form der gemeinsamen Gottesverehrung. Da der innerste subjektive Mittelpunkt der Religion das Gemütsleben in seiner innern Sammlung und Konzentration oder die unmittelbare Bezogenheit des persönlichen Selbstbewußtseins auf das Gottesbewußtsein ist, so ist der K., welcher eben diese innere Sammlung in der Form der Gemeinschaft darstellt, nichts anderes als die unmittelbare Wirklichkeit des religiösen Lebens in der Gemeinschaft selbst. Denn das, was überhaupt zur religiösen Gemeinschaft treibt, ist zunächst weder die Mitteilung eines Wissens noch auch das Bedürfnis eines gemeinsamen Thuns, sondern der dem religiösen Menschen notwendig innewohnende Trieb zu gemeinsamer Erbauung, zur äußern Darstellung des innerlich Erlebten, in der Absicht, dieses innerlichen geistigen Besitzes vermittelst der gemeinsamen Erhebung zu Gott immer gewisser zu werden. Daher ist der K. der eigentliche Mittelpunkt jeder Religion, die von ihrem Wesen unzertrennlichste Erscheinungsform, ohne welche sie selbst nicht wäre, was sie ist, wogegen die Lehre oder das Glaubensbekenntnis auf der einen, die gemeinsame fromme Sitte und die verfassungsmäßige Ordnung und Gestaltung der gemeinsamen religiösen Lebensthätigkeit auf der andern Seite weit leichter von ihr abtrennbar sind. Im K. kommt die gemeinsame Grundbestimmtheit der Frömmigkeit zum unmittelbarsten und naturwüchsigsten Ausdrucke. Ebendaher kann die Verschiedenheit der Religionen, namentlich auf den niedern Stufen religiöser Entwickelung, welche weder eine ausgeprägte Lehre noch eine eigentümliche ißt, sind unter C aufzusuchen. Religionsverfassung kennen, fast nur an der Verschiedenheit des K. erkannt werden, und eine Veränderung der Kultusformen ist ein weit sichereres Zeichen einer veränderten religiösen Grundstimmung selbst als eine Veränderung im Dogma und der äußern kirchlichen Ordnung. Insofern alle Religion auf Versöhnung des Menschen mit Gott hinstrebt, so erscheint deren immer neue Versicherung für die Gemeinschaft als die eigentliche Hauptquelle des K. Hieraus ergibt sich eine doppelte Seite des K.z erstens die gemeinschaftliche Vergegenwärtigung der göttlichen Offenbarung an die Menschen und des göttlichen Waltens über und in dem menschlichen Leben, und zweitens die gemeinsame Bewegung der Menschen zu Gott hin oder die immer völligere Verwirklichung der religiösen Idee in der Gemeinschaft. Erstere Seite ist von den vorchristl. Religionen vornehmlich in den Mythologien ausgeprägt, deren örtliche und nationale Verschiedenheit der nächste Grund für die Verschiedenheit der Kultusformen ist. Den verschiedenen, in den Mythen sich darstellenden religiösen Beziehungen entsprechen die verschiedenen religiösen Feste und Weihen, welche namentlich bei den Griechen in reichster Mannigfaltigkeit sich entwickelt haben. Soweit die Mythen auf religiöser Natursymbolik beruhen, knüpfen sich die religiösen Feste an die wechselnden Erscheinungen des Naturlebens selbst, zu welchen bei der weitern geistigen Entwickelung in dem Maße, als die Mythen ethische Beziehungen auf das häusliche, bürgerliche und polit. Leben in sich aufnehmen, religiöse Familien⸗, Standes⸗ und Volksfeste hinzutreten. In der alttestamentlichen Religion sind es dann, neben dem Wechsel der Jahreszeiten und ihrer Bedeutung fürs Menschenleben, namentlich die Hauptwendepunkte in der Geschichte des israel. Volks, denen als ebenso vielen Offenbarungsthaten Jehovahs die religiöse Festfeier gewidmet ist. Die andere Seite des K., oder die religiöse Bewegung des Menschen zu Gott, prägt sich in allen Religionen in Opfer und Gebet aus, in der thätigen Darbringung menschlichen Eigentums an die Gottheit und in der betenden Erhebung des religiösen Gemüts zu dem Göttlichen. Neben den Hymnen, welche die Thaten der Götter verherrlichen, und allerlei symbolischen Handlungen, welche mytholog. Vorgänge versinnbildlichen, bilden daher die meist bis ins kleinste Detail vorgeschriebenen Opfergebräuche auf der einen, bestimmte Gebete und Gebetsbräuche auf der andern Seite die Hauptbestandteile des heidnischen K., welche auch in der hebr. Religion wiederkehren, natürlich mit den Veränderungen, welche teils der monotheistische Charakter, teils der nationalgeschichtliche Hintergrund der mosaischen Gesetzgebung erforderlich machten. Der christliche K. unterscheidet sich von dem vorchristlichen durch alle jene Merkmale, welche der christl. Religion überhaupt den Charakter der schlechthin universellen und vollkommenen ethischen Religion verleihen. Derselbe steht grundsätzlich allem äußerlichen Opfer-und Ceremonialwesen entgegen. Die Loslösung vom jüd. Tempeldienst und von dem levitischen Ceremoniell erfolgte in demselben Maße, als die wesentliche Neuheit und Eigentümlichkeit der christl. Religion ihren Bekennern zum Bewußtsein kam. Wie aber der eigentümliche geistige Gehalt des christl. Glaubens an die Person Jesu Christi gebunden blieb, so blieb auch dem christlichen K. fortwährend die Beziehung auf die eschichtlichen Heilsthaten Gottes in Christus weentlich. Die allmähliche Ausbildung des christl. Festeyklus, wie er sich zuerst als wöchentlich, danach auch als jährlich wiederkehrende Festfeier gestaltete, beruht auf der Idee einer immer aufs neue sich wiederholenden Vergegenwärtigung der Hauptmomente in der Lebensgeschichte Jesu Christi. So ist die christl. Wochenfeier in ihrer ältern, in der griech. Kirche noch am treuesten aufbewahrten Gestalt das Abbild der Leidenswoche, welche im Sonntage, als dem Auferstehungstage, ihren Höhepunkt erreicht. Dieselbe Idee liegt dem christl. Kirchenjahre, welches in der Hauptsache im 4. Jahrh. zum Abschluß kam, und seinen verschiedenen Festzeiten zu Grunde: Advent, Ankündigung Christi in der Vorzeit, Geburt Christi (Weihnachten), Beschneidung (Neujahr), Anbetung der Könige, Darstellung im Tempel (Lichtmeß), Passionszeit, Einzug in Jerusalem, letztes Mahl, Kreuzigung, Grabesruhe, Auferstehung, Himmelfahrt, Geistesausgießung. Die Richtung der griech. Kirche auf eine tiefsinnige Symbolik hat alle diese Feste mit einem reichen Kranze sinnbildlicher Gebräuche umgeben, die freilich in der Praxis oft genug in leeren Mechanismus ausgeartet sind. Dagegen hat die röm. Kirche mehr die lyrische und musikalische als die dramatische Seite des K. gepflegt. Zu diesen Christusfesten traten allmählich andere Feste, Gedächtnistage der Apostel und Heiligen, insbesondere der Maria, hinzu, als der Höhenpunkte in der Lebens- und Leidensgeschichte der Kirche Christi auf Erden. Alle diese Feste aber wurden im römisch-katholischen K. durch das im Mittelalter aufgekommene Fronleichnamsfest überstrahlt, in welchem mit dem Wunder des Sakraments zugleich die wunderwirkende Gnadenkraft der mit göttlicher Vollmacht ausgestatteten sichtbaren Kirche gefeiert wird. Der Protestantismus, welcher die fromme Betrachtung von der äußern Kirchenherrlichkeit auf das geschichtliche Erlösungswerk Christi zurückführte, konnte von all diesen zahlreichen Feiertagen nur die Christusfeste beibehalten, und die ältere reformierte Praxis ging sogar so weit, sämtliche Feste abzuthun, die nicht durch ein ausdrückliches Bibelwort angeordnet waren. Der sonntägliche Gottesdienst zerfiel in der alten Kirche in zwei Hauptteile, welche als Messe der Katechumenen und Messe der Gläubigen unterschieden wurden. Erstere war der Verkündigung des göttlichen Wortes, letztere der Feier der Sakramente, vor allem des hochheiligen Mysteriums des Todesmahls Christi geweiht. Letztere Feier wurde schon im 3. Jahrh. vielfach als eine unblutige Wiederholung des blutigen Opfers Christi am Kreuze betrachtet, in eine Reihe von einzelnen Akten zerlegt (Kyrie, Gloria, Credo u. s. w.) und in der griech. Kirche sogar zu einem förmlichen Drama ausgebildet. Der Protestantismus ist, freilich unter Einbuße mancher tiefsinniger liturgischer Kultusformen, auch hier zur apostolischen Einfachheit zurückgekehrt. Je inhaltsreicher das christl. Leben sich gestaltete, desto mannigfacher bildete auch der christliche K. sich aus und zog allmählich alle Künste in seinen Dienst, nicht bloß Poesie und Musik, sondern auch Baukunst, Bildhauerkunst und Malerei. Die äußere Ausgestaltung und innere Ornamentik der heiligen Orte diente derselben Symbolik wie die Feier der nheiligen Zeiten, und im Dienste der Kirche nahmen alle Künste einen neuen großartigen Aufschwung, rmißt, sind unter C aufzusuchen. um die im Gottesdienst immer aufs neue gefeierte Versöhnung der Gemeinde mit Gott auch der Phantasie durch ästhetische Erhebung nahe zu bringen. Der Zauber, den der katholische K. noch heute auf Hunderttausende ausübt, im Unterschiede von der verständigen Nüchternheit des prot., insbesondere des reform. Gottesdienstes ruht vornehmlich auf seiner Macht über die Phantasie. Andererseits läßt gerade die liturgische und ästhetische Seite des Gottesdienstes Raum für gar verschiedenartige Bedürfnisse und bietet dem volkstümlichen Elemente der Frömmigkeit Gelegenheit, sich in freier Mannigfaltigkeit geltend zu machen. Bei aller Verschiedenheit der Kultusformen kommt aber im christl. Gottesdienst die erwähnte Doppelseitigkeit des K. zu ihrem bestimmtesten Ausdrucke. Die Bewegung Gottes zu den Menschen hin wird dargestellt durch „Worto und «Sakrament » oder durch das Schriftvorlesen, als einer göttlichen Anrede an die Menschen, und durch die heiligen Handlungen, in welchen göttliche Heils- und Gnadengüter angeboten werden. Die Bewegung des Menschen zu Gott hin vollzieht sich in Anbetung und Opfer, erstere als menschliche Antwort auf die göttliche Anrede (vornehmlich im Gemeindegesang und im Gebete am Anfang des Gottesdienstes), letztere als freiwillige Darbringung des Herzens an Gott (vornehmlich in den vorbereitenden Akten bei der Feier des Sakraments und im Schlußgebet). Doch gehen der Natur der Sache nach Anbetung und Opfer in den gottesdienstlichen Handlungen ebenso ineinander über, wie das Sakrament nur eine andere Form der Darbietung des Wortes (das asichtbare Worto) ist. In der Predigt sind alle Kultusmomente zur lebendigen persönlichen Einheit zusammengefaßt. Vgl. für den Katholizismus: X. Schmid, Liturgie der christl.⸗kath. Religiono (3. Aufl., 3 Bde., Passau 1840—41); Fluck, «Kath. Liturgiko (2 Bde., Regensb. 1853—55); für den Protestantismus: Ehrenfeuchter, «Theorie des christl. K. (3 Bde., Hamb. 1840); Kliefoth, Theorie des K. der evang. Kircher (Ludwigslust 1844); Schöberlein, Das Wesen des christl. Gottesdienstes» (Gött. 1860); Alt, «Der christliche K. » (2. Aufl., 2 Bde., Berl. 1851—60). Th. Harnack, «Theorie und Geschichte des K.v (Erlangen 1877). Außerdem die zahlreichen Werke über «Praktische Theologiev. Kultusministerium, die zur Beaufsichtigung, Förderung und Leitung der geistigen Kulturmittel eines Landes bestellte oberste Staatsbehörde. In den kleinern Staaten ist diese Thätigkeit regelmäßig einer Abteilung (Departement) des Ministeriums zugewiesen, während in großen Staaten ein besonderes K. fungiert, welches speziell in Preußen den Titel Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten führt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 662Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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