Linse, die kleinsamigste und wenigst beliebte unter unsern Hülsenfrüchten, ist unstreitig den Mittelmeerländern angeboren, ward aber auch in Ungarn schon zur Steinzeit und in der Schweiz zur Bronzezeit eultivirt. Den alten Aegyptern war sie wohlbekannt, und welche wichtige Rolle sie als Nahrungsmittel bei den Hebräern spielte, erhellt aus der Geschichte Esau's, der sein Anrecht auf das Abrahamsche Majorat für ein „rothes Gericht“, d. h. für einen Brei aus geschälten Linsen, an seinen Bruder Jakob losschlug. Heute würde kaum noch eine holländische Millionenerbschaft um diesen Preis zu haben sein, denn die Linsen stehen bezüglich der Verdaulichkeit im denkbar schlechtesten Rufe, so daß man sie von ganzem Herzen dem biderben Landmann gönnt, dessen thatkräftiger Magen leichter mit derartigen Unholden fertig wird. Linsen-Salat und kalte Linsen-Sauce sind in der That das Schrecklichste, was man einem nur etwas feinfühligen Magen zumuthen kann. Aber sogar in der Suppe betrachtet man das Linsen-Purée mit berechtigtem Mißtrauen, und selbst als Conserve (3. B. als Condensirte Linsensuppentafel von A. Schörke in Görlitz) findet die Linse weit weniger Verehrer als Erbsen und Bohnen, obschon sie diesen an Nährwerth keineswegs nachsteht. Am häufigsten macht noch die französische Küche Gebrauch von ihr, schon weniger die österreichische und noch weniger die norddeutsche, in Spanien genießt sie höchstens der Arme, und in England wird sie sogar von diesem verschmäht, ist also vollständig shocking. Nubienfahrer dagegen rühmen den oberägyptischen Linsenbrei mit Zwiebeln als eine vollendete Delicatesse — der Nilkataraktenhunger muß also um einige Pferdekräfte stärker sein als unser Appetit, oder aber die ägyptische Linse, wie schon Rumohr annahm, die europäische an Wohlgeschmack übertreffen. Für die ihr erwiesene Geringschätzung aber hat sich die Linse an den Europäern bitter gerächt. Um 1850 kam von London aus ein Universal-Heil⸗ und ⸗Nährmittel in den Handel, Warton's Ervalenta, die wirklich Wunder wirkte, indem sie die Kranken erleichterte und den windigen Fabrikanten schwer machte (an Geld und Gut nämlich) — das war grobes Linsenmehl mit etwas Weizenmehl. Die Lorbeeren Warton's aber ließen einen edlen Franzosen () nicht lange ruhig schlafen, und 1853 erschien Du Barry's Revalenta arabica, die gleichfalls beiden Theilen half, dem Publicum auf den Hund und dem Herrn Du Barry auf's Pferd — das war feines Linsenmehl mit etwas Salz. Das feine Linsenmehl mundete und bekam dem Publicum besser als dasgrobe, deshalb verklagte Herr Warton Herrn Du Barry, weil der Name Revalenta nur eine Umstellung aus Ervalenta. und auf Täuschung des Publicums berechnet sei. Herr Du Barry mußte also sein Product umtaufen, und so erhielt die Welt 1855 die Reconvaleseière Du Barry, d. h. staubfein gepulvertes Linsenmehl mit etwas Salz und Kartoffelstärke zum schwindelnd niedrigen Preise von nur 3½ Mark (nach heutiger Währung) per 373 g! Vergebens deckten An selme Payen in Paris (gest. 1871) und Hermann Klencke in Hannover den Schwindel auf, die Reéconvaleéscière und. zahllose Nachahmungen derselben behaupteten sich bis in die Sechziger Jahre hinein, und so kaufte das liebe Publicum jahrelang um schweres Geld, was es geschenkt nicht hätte genießen. mögen.