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Sagen & MythenAppetit-Lexikon 1894

Honig, der weiß⸗ bis braungelbe, schwerflüssige Zuckersaft, den die Arbeitsbienen aus aufgesogenem Neetar und Blüthenstaub im Kropfe zusammenarbeiten und dann in den Zellen der Honigwaben zur weitern Verwendung aufspeichern, gehört zu den allerältesten Nahrungs⸗ und Genußmitteln der Gott⸗ und Menschheit. Schon die Götter des Olympos stellten daraus mit Milch ihre Ambrosia her, den Hebräern der mosaischen Zeit erschien ein Land, „wo Milch und Honig fließt“, als der Inbegriff der Glückseligkeit, die Völker am Euphrat brauchten ihn als Dauermittel, und daher wurde Alexander der Große nach seinem Ableben in Honig eingemacht. Den Athenern war Honig vom Hymettos der reine Caviar, die Römer schwelgten in Honig von Hyble auf Sieilien und waren über den Taxusgeschmack der corsischen Waare höchlichst ungehalten, und als die germanischen Franken im Jahre 529 n. Chr. die Thüringer überwunden hatten, da legten sie ihnen schleunigst einen Tribut an Honig auf, so daß die Thüringer Imker werden mußten, sie mochten wollen oder nicht. Die Einführung des Christenthums brachte dann bei dem Wachsbedarf der Kirche die europäische Bienenzucht und Honigproduction auf die höchste Stufe, bis zuerst die Reformation und dann die Zuckerfabrication ihr einen Schlag versetzten, von dem sie sich trotz aller Bienenväter niemals wieder völlig erholen wird. — Der Honig ist im Wesentlichen aus 10 bis 331½% Wasser und 64 —807% Traubenzucker (Dextrose und Lävulose) zusammengesetzt und enthält daneben noch Spuren von Wachs, Gummi, Stickstoffsubstanz, Phosphorsäure und Ameisensäure, bisweilen auch Oxalsäure. Die Zusammensetzung und daher Geruch und Geschmack des Honigs hängen aber wesentlich von seinem Ursprunge ab, und eben aus diesem Gesichtspunkte unterscheidet man die verschiedenen Sorten und Spielarten, nämlich als Maihonig den aus den Frühjahrsblüthen, als Herbsthonig den weniger aromatischen von den Spätblumen, ferner als Heidehonig den vom Heidekraut und Buchweizen der sandgesegneten Landstriche (Lüneburg und Polen), sowie als Land- oder Krauthonig, das bessere Produet der fruchtbareren Gegenden, darunter namentlich den südfranzösischen Lindenhonig von Narbonne und den litthauischen Lippitzhonig, die beide von den Lindenblüthen jener Länder stammen und mit dem melilotusduftenden Kleehonig von Illyrien zu den berühmtesten Sorten gehören. Ferner unterscheidet man nach der Art der Gewinnung neben dem Scheibenhonig, der in den Waben zu Markte kommt, den Jungfernhonig, der nach dem Zerschneiden der Waben ausfließt, und den Schleuderhonig, der mittelst einer Centrifuge ausgeschleudert wird. Diese drei Sorten stellen den reinsten Honig dar, haben einen süßen, angenehmen Geschmack und rein aromatischen Geruch und gelten daher mit Recht für weit vorzüglicher als der dickflüssigere und dunkler gefärbte gewöhnliche oder Auslaßhonig, der durch Auspressen und Auskochen der Waben gewonnen wird und dadurch seine Frische und Reinheit verliert, weshalb man ihn nicht selten durch nachträgliches Erwärmen und Filtriren klärt und dann als gereinigten Honig auf den Markt bringt. Der berühmte und theuer bezahlte Rosenhonig endlich, gehört zwar eigentlich zu den Krauthonigen, da die Bienen ihn von den Blüthen der immergrünen Kletterrose gewinnen und er diesen seinen wundervollen Geruch verdankt; der intelligente Imker gewinnt jedoch den Rosenhonig nicht von seinen Bienen, sondern stellt ihn aus Jungfernhonig mit Rosenessenz selber her, und so gehört der Rosenhonig in der Regel nicht zu den Naturerzeugnissen, sondern zählt mit dem Borax⸗, dem Salieyl- und dem Tannin-Honig zu den Kunstprodueten. In der modernen Küche ist der Honig als Speisezuthat vollständig durch den Zucker verdrängt worden, der sich weit besser und weit leichter mit Mehl und Eiern, Erdmes und Saueen aller Art verbindet. Unersetzt und unersetzlich dagegen ist er als Zukost zum Weißbrot. Auf diesem Gebiete macht er der Butter und namentlich dem Syrup eine bedeutende Coneurrenz, die sich besonders in Norddeutschland in den letzten zwanzig Jahren sehr gesteigert hat, so daß man dort jährlich zwischen 25 000 bis 30 000 9 Honig namentlich aus Chile und von Cuba (daher Havana⸗-Honig) einführt. Oesterreich dagegen deckt nicht nur seinen Bedarf aus eigenen Mitteln, sondern führt auch noch 15001800 d Honig im Werthe von 70 000 bis 75 000 Mark jährlich aus. Zum Einmachen, besonders zur Herstellung von Fruchteonserven wird der Honig nirgends mehr verwendet, wohl aber braucht man nicht geringe Quantitäten in der Bäckerei zur Herstellung der Lebkuchen und Pfeffernüsse, sowie in der Hauswirthschaft namentlich Englands und Osteuropas zur Bereitung des Honigweins.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 233Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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