FeedKümmel
Haus & KücheAppetit-Lexikon 1894

Kümmel, die braune, sichelförmige Theilfrucht des Feld- oder Wiesenkümmels, oberdeutsch Kim oder Kimmig, dem antiken Orient und den Altgriechen ein Geheimniß, wie noch heute den Neugriechen, wurde zwar von den Römern der ersten Kaiserzeit als Gewürz gebraucht und auch im Garten gezogen, war ihnen aber bei alledem so fremd, daß Plinius das völlig kümmellose Karien in Kleinasien für die Heimat hielt, während in Wahrheit das ganze Gebiet vom Kaukasus nördlich bis nach Lappland und westlich bis nach Holland als Vaterland der Pflanze angesprochen werden muß. In Deutschland erscheint diese schon zur Zeit Karls des Großen neben dem nur als Arzneimittel gebrauchten römischen Kümmel als Culturgewächs Gegenwärtig wird sie namentlich in Thüringen, in der Provinz Sachsen, in Rußland, Holland und England in größerer Menge gebaut, während Oesterreich seinen Jahresbedarf durch Einfuhr von durchschnittlich 12 000 g deutschen Kümmels deckt. Der Kümmel, im Allgemeinen fett- und stickstoffreicher als Anis und Fenchel, enthält 33/7% eines eigenthümlichen ätherischen Oels, entwickelt aber nur einen schwachen Geruch, wo hingegen der Geschmack scharf, um nicht zu sagen beißend gewürzhaft ist. Seiner diätetischen Kräfte wegen — er fördert nicht nur die Verdauung, sondern stellt überhaupt Ordnung im Magen her, beseitigt Blähungen, stillt den Durchfall und treibt den Urin, weshalb Kümmelsuppen bei derartigen Palastunruhen in besonderm Ansehen stehen — wird er in der Küche, in der Bäckerei, in der Wursterei und der Käserei in weit größerm Umfange verwendet als seine drei Genossen: Fenchel, Anis und Koriander, und ebenso tritt er in der Brennerei bedeutsam hervor. Der Allasch (Doppelkümmel) erscheint in Oesterreich mit allem Nimbus eines Allerwelts-Magenmittels für sämmtliche Stände, Geschlechter und Vorkommnisse, und in Deutschland nimmt der Gilka (Kümmelliqueur der Firma J. A. Gilka in Berlin) genau dieselbe Stellung ein. Hier hat sogar das „Kümmeln“ das ehemals beliebte „Schnapsen“ völlig aus dem Sattel gehoben: man betrinkt sich in Norddeutschland nicht, sondern man „bekümmelt“ sich, und es gibt dort schon seit Langem keine Schnapsbrüder mehr, sondern nur noch „Kümmelbrüder“.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 295Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

In anderen Lexika 2

Alle Lexika nebeneinander →

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Haus & Küche 6