FeedAloé
PflanzenreichBrockhaus 1882

Aloé, Pflanzengattung aus der zu den Monokotyledonen gehörenden Familie der Liliaceen (Unrrfamilis der Aloineae): ausdauernde, niedrige, fast stengellose Kräuter mit grundständiger Blattrosette und kurzem, oft kaum 15 em hohem Blütenschafte, oder von strauchartigem Wuchse oder in seltenen Fällen selbst Bäume mit bis 20 m hohem und 1,60 m im Durchmesser haltendem, säulenförmigem, einfachem oder ein⸗ oder mehrmals gabelig verzweigtem Stamme mit endständigen Rosetten zahlreicher dichtgestellter Blätter (die letztangeebenen Dimensionen erreicht die in Natal und im Kafferngebiete heimische, erst um 1870 in die europ. Gärten eingeführte A. Bainesii Dyer). Die zweizeilig oder spiralig gestellten Blätter sind bei allen Arten dick-fleischig und meist sehr saftig, aus mehr oder weniger stengelumfassendem Grunde in der Regel lineal-lanzettlich und allmählich verschmälert, auf der Oberfläche oft rinnig, glatt oder gerunzelt oder warzig, an den Rändern oft hornartig oder auch dornig-gezähnt, bei einzelnen Arten gefleckt oder gebändert. Zwischen ihnen erhebt sich der end⸗ oder achselständige, nackte oder mit Schuppenblättern besetzte, oft meterlange Blütenschaft, welcher eine einfache Ahre oder Traube oder aus solchen zusammengesetzte Rispe meist ansehnlicher, gewöhnlich rotgelber oder purpurner, aufrechter, abstehender oder hängender Blüten mit gegliedertem, von einem Deckblatte gestütztem Blütenstiele trägt. Letztere besitzen ein cylindrisches oder keuliges, gerades oder schwach gekrümmtes, am nektarabsondernden Grunde bisweilen aufgeblasenes Perigon mit mehr oder minder tief sechslappigem bis sechsteiligem Saume, dessen gleiche oder abwechselnd ungleiche Lappen aufrecht, abstehend oder zurückgekrümmt sind. Die sechs mit den Perigonlappen abwechselnden, dem Grunde der Blüte eingefügten Staubgefäße sind bald kürzer, bald so lang oder länger als das Perigon und oft abwechselnd unter sich ungleich lang. Der dreifächerige, lehende Sarzenin „ zahlreiche in dichten Reihen tehende Samenknospen einschließende Fruchtknoten trägt einen fadenförmigen Griffel mit einfach kopfiger oder dreilappiger Narbe und entwickelt sich zur dreifächerigen, in der Mitte der Bachen dreiklappig aufspringenden Kapsel mit zahlreichen kantigen oder zusammengedrückten, scharfrandigen oder selbst geflügelten, meist schwarzbraunen Samen. Nach der alten, hier angenommenen Umgrenzung umfaßt die Gattung etwa 200 meist afrikanische, vorzüglich am Kap heimische Arten, von denen jedoch vielfach die Arten mit weißen regelmäßigen Blüten als Aprica, die mit weißen zweilippigen Blüten als Haworthia, die mit durpurnem, am Grunde bauchigem Perigon und ürzern Staubgefäßen als Gasteria abgeschieden werden, sodaß 2 die Gattung A. im engern Sinne nur etwa 86 Arten mit rotgelbem, am Grunde nicht aufgeblasenem Perigon und Staubgefäßen so lang oder länger als letzteres übrig bleiben. Zur letztern Abteilung gehören auch die arzneilich wichtigen, die offizinelle Drogue Aloé (s. d.) liefernden Arten, als welche zu nennen sind: A. socotrina Lam. ( A. vera Mill., doch nicht L.), A. vulgaris Lam., A. ferox L., A. spicata L. fil. und A. lingua Mill., denen sich A. atricana Mill. und A. plicatilis Mell. als eine geringere Ware liefernde Arten und wahrscheinlich 14. A. arborescens Mill., A. purpurascens Haso. und A. Commelini Willd. anschließen. Von den genannten Arten ist die A. Socotrina im Küstengebiete Ostafrikas und nach neuern Untersuchungen auch am Kap zu Hause, Rerhangeden die A. der schon im Altertume als Mutterland der Drogue berühmten ostafrik. Insel Socotra (oder Socotora), welche der Art den Namen gab, nicht diese, sondern nach den neuesten Berichten die A. Perryi Baher ist. Sie hat einen 1—1,6⁰ m hohen, oft gegabelten Stamm, 30 — 40 schwertförmige, gebogene, etwa 2½ em breite, dunkelgrüne Blätter in dichter, etwa m im Durchmesser haltender Rosette, einen einfachen Blütenschaft mit dichtblütiger, 60 em langer Traube roter, 3 em langer Blüten. A. vulgaris ( A. vera L.) unterscheidet sich durch kürzern, 30—60 em langen, meist einfachen Stamm und die aus der Blüte deutlich vorragenden Staubgefäße von ersterer Art; sie ist jetzt durch die gesamten wärmern Klimate verbreitet und findet sich in den Küstengebieten selbst Südeuropas verwildert und oft in Menge vor. Die übrigen genannten Arten sind sämtlich in Südafrika heimisch. Die offizinelle A. wird bei allen genannten Arten aus den Blättern gewonnen. Ein Querschnitt der letztern zeigt unter der Oberhaut eine sehr dünne grüne Rinde und ein von ihr umschlossenes, die Hauptmasse des Blattes bildendes, weißes, schlüpfriges, markartiges Gewebe. An der Grenze beider Gewebe liegen in ziemlich gleichen Abständen die längsverlaufenden, dünnen Gefäßbündel, und diesen legt sich nach außen ein auf Querschnitten halbmondförmiger mehrreihiger Strang prismatischer zartwandiger Schläuche an, die mit einem je nach Art, Standort und Jahreszeit verschieden intensiv gelb, goldgelb bis braungelb gefärbten, seltener auch farblosen, jedenfalls sehr bittern Safte gefüllt sind, der sich bisweilen auch noch in einer Schicht kleinerer Zellen findet, welche die Schläuche wie eine Scheide gegen die Blattrinde begrenzen. Dieser bittere Saft ist eingetrocknet eben die Aloé der Apotheken. Derselbe wird fast nur so gewonnen, daß man ihn freiwillig aus der Schnittfläche der im März und April dicht am Stamme weggeschnittenen und in Tröge gestellten Blätter ausfließen läßt und dann in kupfernen 905 5 eindickt (so auf den westind. Inseln), oder daß man den ausfließenden Saft in einem ein Erdloch auskleidenden Ziegenfelle sammelt und später in gußeisernen Pfannen einsiedet (so am Kap). Schälen und Auspressen der Rinde und des anliegenden den Aloésaft enthaltenden Gewebes des Blattes würde jedenfalls eine reichere Ausbeute geben. Viele Aloêarten sind Dekorations⸗ und Zierpflanzen unserer Glashäuser. Die Fasern der Blätter einzelner Arten (namentlich der A. vulgaris) werden zu gröbern Gespinsten benutzt. über die Hundertjährige Aloé s. unter Agave. Aloé (Drogue) ist der eingetrocknete bittere Saft verschiedener Aloéarten (s. Alos, Pflanzengattung). Im Droguenhandel unterscheidet man zahlreiche Aloéäsorten, die aber in zwei Hauptarten, durchsichtige und undurchsichtige A., zu gruppieren sind. Durchsichtige A. ist in dünnen Schichten durchscheinend und durchsichtig. Die wichtigste Sorte ist die von der deutschen Pharmakopöe aufgenommene Kap-Aloé (A. Capensis, A. Iucida, Aloes),; nach der Charakteristik der Pharmakopöe bildet sie undurchsichtige, dunkelgrünlichbraune, am Rande blaßbraun oder kastanienbraun durchscheinende, auf dem Bruche muschelige und wie Glas glänzende Massen; beim Anhauchen von etwas widrigem, eigentümlichem Geruch; 110 Geschmack ist sehr bitter; gibt ein grüngelbes Pulver. Kaltes weiche löst sie teilweise unter Zurücklassung eines weichen Harzes; mit heißem Wasser gibt sie eine trübe, mit Weingeist eine fast klare Losung. Die Mutterpflanzen sind A. spicata, A. arborescens, A. Lingua. Ferner gehört hierher die Sokotrinische A. (A. Socotrina); diese kommt von der Zanz Sokotora am Arabischen Meerbusen, von anzibar und Melinda, selten auf dem euro Markte zu finden, unterscheidet sich von der Kap-Aloé durch ihre braunrote oder granatrote Farbe. Die undurchsichtigen Alöarten sind auf dem Bruch wenig länzend oder matt, selbst an den Kanten von ruchstücken kaum durchscheinend. Unterarten: 1) Leber-Aloé (ostindische A., A. hepatica), nach ihrer Farbe benannt; ihre Mutterpflanzen sind: A. vulgaris, A. perfoliata; unregelmäßige leberbraune Massen mit mattglänzendem Bruch und schwarzbraunen Streifen, gibt ein rhabarbergelbes Pulver. Hierher gehört auch A. de Mecca und A. Aegyptiaca. 2) Barbadoes-Aloé (A. Barbadensis); sie kommt von Barbadoes und Jamaica, ist dichter, härter, auf dem Bruche matter, ohne schwarzbraune Streifen wie bei der Leber-Aloé, gewöhnlich dunkler in der Farbe. 3) Curaçao-Aloé (A. Currassavica), von der Rel Curaçao, außen pechschwarz, im Bruche dunkelbraun und muschelig, von widerlichem Geruch. Roß-Aloé (A. caballina) ist schmutzige A., die im südl. Spanien dargestellt wird, für mediz. Zwecke unbrauchbar. A. ist stets an möglichst trockenem Orte au zubewahren, da sie leicht euum wird und dann zu schmierigen Massen zusammenfließt. ö Von offizinellen Aloäpräparaten hat die deutsche Pharmakopöe: 1) Extractum Alos, ein mit kaltem Wasser bereitetes und nach Abscheidung des Harzes eingedicktes Extrakt. 2) Extractum Aloës Acido sulfurico correctum, 8 Teile A.⸗Extrakt in Wasser gelöst, mit 1 Teil Schwefelsäure versetzt und eingetrocknet. 3) Tinctura Aloës, alkoholische Lösung im Verhältnis 1:5. 4) Tinctura Aloës composita (früher Elixirium ad longam vitam), alkoholisches Extrakt von A. und verschiedenen andern Ingredienzien. Bei der Behandlung mit Wasser zerfällt die A. in einen löslichen Teil und Harz, letzteres, obgleich in reinem Wasser unlöslich, löst sich nicht unerheblich in dem wässerigen Extrakt und zwar in um so reichlicherer Menge, je konzentrierter das Extrakt und bei je höherer Temperatur dies dargestellt wurde; Anand ist es wahrscheinlich zurückzuführen, daß die Angaben über den Harzgehalt der A. bei den einzelnen Autoren von 6 ¼ bis zu 50 Proz. variieren. Die wässerige Lösung enthält als wesentlichen Bestandteil Alo in, dessen Zusammensetzung „ Stenhouse der Formel (17 HIsOr entsprechen soll. Rurz Darstellung des Aloins trägt man grob gepulverte A. in siedend heißes Wasser, dem etwas Salzsäure zugesetzt ist, läßt die Lösung erkalten, filtriert vom ——3.— chiedenen Harz, verdampft bis zum dünnen Sirup und läßt diesen mehrere Tage stehen. Das Aloin scheidet sich dabei in unreinen braunen Krystallen ab, die von der Mutterlauge durch Abpressen getrennt und durch wiederholtes Krystallisieren aus Wasser gereinigt werden. Das reine Aloin bildet schwefelgelbe Körner, aus heißem Alkohol scheidet es sich in sternförmig gruppierten Nadeln ab, löst sich in 600 Teilen kaltem Wasser, viel leichter in 19— in 2 Teilen Alkohol von 86 Proz., in 8 Teilen Ather. Die neutral reagierenden Lösungen haben einen anfangs süßlichen, nachher aber intensiv bittern Geschmack. Beim Trocknen bei 100 verändert sich das Aloin, wird braun und ist nach anhaltendem Trocknen nicht wieder krystallisiert zu erhalten; viel rascher erfolgt diese Umwandlung bei 150; dasselbe tritt in der wässerigen Lösung ein, wenn diese lange Zeit der Luft ausgesetzt gewesen ist; sie liefert alsdann keine Krystalle mehr, sondern trocknet zu einer amorphen Masse ein. Dieses Umwandlungsprodukt ist von Robiquet als Aloétin bezeichnet, und es sollen die durchsichtigen Aloêsorten dieses letztere enthalten, während die Undurchsichtigkeit der andern Sorten durch das krystallisierte Aloin bedingt ist. Die Unrichtigkeit dieser Annahme ist jedoch von Groves (Jahresbericht der Chemiev, 1856, S. 680) nachgewiesen dadurch, daß er aus durchsichtiger A. reichliche Mengen von Aloin darstellte. Bei Einwirkung von Salzsäure wird Aloin gespalten in Zucker und Rottlerin 611H1003. Das Aloin ist daher ein Glucosid. Beim Erwärmen mit starker Salpetersäure verwandelt sich das Aloin in Chrysaminsäure C1H(NO.)404. Durch Erwärmen mit Zinkstaub geht es in Anthracen (14HIo über. Außer dem Aloin sind aus der A. noch eine Menge von andern Substanzen durch Einwirkung verschiedener Agentien dargestellt, über welche jedoch wenig Sicheres bekannt ist. Die A. wird in der Medizin vorzugsweise als drastisches Abführmittel verwendet; auch gebraucht man sie in der Färberei, nachdem sie durch Behandlung mit Salpetersäure teilweise in Chrysaminsäure verwandelt ist.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 450Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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