FeedCotta
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Cotta, berühmte deutsche Buchhändlerfamilie, aus Sachsen stammend. Johann Georg C. (geb. 1631), heiratete 1659 die Witwe des akademischen Buchführers Philipp Brunn in Tübingen, dessen Geschäft von da ab die Firma Joh. Georg Cottasche Buchhandlung führte. Nach seinem Tode (1692) ging die Handlung auf seinen einzigen gleichnamigen Sohn und von diesem (1712) auf dessen Sohn gleiches Namens über, während ein zweiter Sohn desselben Johann Friedrich C. (s. d.) die Theologie erwählte. Nachdem das Geschäft unter Verwaltung fremder Personen an seiner Bedeutung verloren hatte, übernahm Johann Friedrich C. (geb. 27. April 1764 zu Stuttgart) die Leitung. Dieser, ein Großneffe des Universitätskanzlers Johann Friedrich C. und jüngster Sohn von Christoph Friedrich C. (1730—1807), der unter Laudon als österr. Kavallerieoffizier gedient und dann später in Stuttgart die Hof⸗ und Kanzleibuchdruckerei erworben hatte, ist einer der verdienstvollsten Buchhändler Deutschlands. Nach dem Vorbilde seines Großoheims sollte er Theologie studieren; er hatte sich jedoch, als er im Fe Maht 1782 die Universität Tübingen bezog, für die Rechtswissenschaft entschieden, neben welcher er aber auch der Mathematik und den Kriegswissenschaften oblag. Nach vollendeten Studien unternahm er eine Reise nach Paris, wohin ihn der be—⸗ (rühmte Kupferstecher und Professor an der stuttgarter ermißt, sind unter K aufzusuchen. Kunstschule Joh. Gotthard von Müller begleitete, und praktizierte dann in Tübingen als Hofgerichtsadvokat, legte jedoch bald, dem Wunsche seines Vaters folgend, diese Stelle nieder und übernahm im Dez. 1787, nach Auseinandersetzung mit seinen zahlreichen Geschwistern, den alleinigen Besitz der Joh. Georg Cottaschen Buchhandlung in Tübingen. n kurzer Zeit eignete er sich die Kenntnisse an, welche ihm zur Leitung der bald zu hohem Aufschwunge sich entfaltenden Verlagsunternehmungen nötig waren. Wegen seiner sehr beschränkten Mittel hatte er indes keine leichte Aufgabe zu lösen. Im J. 1789 verband er sich mit einem Jugendfreunde, dem Kanzleiadvokaten Dr. Zahn aus Calw, der aber schon 1797 wieder ausschied. Das Geschäft nahm unter C.s alleiniger Leitung einen immer großartigern und glücklichern Aufschwung. Schon 1794 faßte C. mit Schiller den Plan zur Herausgabe der Allgemeinen Zeitungo. Zwar trat Schiller, der die Mitredaction besorgen sollte, seiner Gesundheit wegen wieder zurück, gründete aber mit C. 1795 die Horeno, die letztern auch mit Herder und Goethe in freundschaftliche Verhältnisse brachten. Die große Ausdehnung, welche das Cottasche Geschäft durch den Verlag der Werke Schillers und Goethes, später durch die wiederholten Gesamtausgaben derselben erlangte, gestattete Si größere Honorare, als bis dahin vorkamen. Schiller und seine Erben erhielten 1796 —1864 von der Cottaschen Buchhandlung 308 564 Fl. (etwa 528 966 Mark), davon Schiller selbst 24106 Fl. (41324 Mark 55 Pf.). Für Goethes Werke entrichtete die Verlagshandlung 504907 Fl. (etwa 865554 Mark), worunter an den Dichter zu Lebzeiten 270937 Fl. (464 463 Mark 40 Pf.). Die Allgemeine Zeitungo, aus der 1. Jan. 1798 in Tübingen gegründeten «Neuesten Weltkundes hervorgehend, trat 9. Sept. jenes Jahres zu Stuttgart an das Licht. Die ersten Nummern redigierte Posselt, die folgenden Zahn, bis L. F. Huber die Redaction übernahm. Im J. 1803 wurde die Redaction derselben nach Ulm und 1810 unter Hubers Nachfolger, Stegmann, nach Augsburg verlegt. Im Nov. 1799 machte C. im Auftrage der württemb. Landstände eine Reise nach Paris, um einen Separatfrieden zu unterhandeln, der aber später nicht ratifiziert wurde. Außer mit Goethe und Schiller stand C. mit zahlreichen andern Schriftstellern in freundschaftlichem Verkehr. Huber und Pfeffel zählte er zu seinen liebsten Freunden; 1* trat er mit Herder, Wieland, A. W. Schlegel, M. von Schenkendorf, Uhland, Platen, Fichte, Jean Paul, Tieck, Voß, Hebel, Therese Huber, Matthisson, den Brüdern Humboldt, Joh. von Müller, Spittler u. a., deren Werke er ganz oder teilweise verlegte, in nähere Verbindung. Die J. 1805 und 1810 brachten ihn in unmittelbare Berührung mit Napoleon. Von größern periodischen Werken entstanden im Verfolg seines Plans, für jeden Zweig der Journalistik ein umfassendes und erschöpfendes Blatt zu gewinnen, außer den bereits erwähnten, 1795 die «Polit. Annalenv, verbunden mit der Aktensammlungo, der „Hesperuso als Organ für polit. und kirchliche Kontroverse und jede freisinnige Erörterung ebenso⸗ „ als allgemeine Statistik, die „Herthas, der Almanach für Damend und andere Taschenbücher, (Memmingers Jahrbüchero für das engere Vaterland und die 15, welchen der Baukunden, 1807 das „Morgenblatto, welchem später das von Schorn begründete «Kunstblatto und das «Litteraturblattbeigegeben wurden, das «Polytechnische Journalvon Dingler, das Auslando, das Inlando, die in Berlin begründeten «Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik' u. a. m. Im J. 1811 verlegte er seinen Wohnsitz und sein Verlagsgeschäft nach Stuttgart, wo er eine eigene Druckerei errichtete. Der alte Adel seiner Familie ward unter dem Namen eines Freiherrn Cotta von Cottendorf in Württemberg und Bayern anerkannt und bestätigt. Auch erwarb er in ersterm Lande die Herrschaft Plettenberg und andere Güter; in Bayern Hohenkammer und Giebing. Ein ehrender Auftrag der deutschen Buchhändler führte ihn 1814 in Gemeinschaft mit Bertuch von Weimar auf den Wiener Kongreß, um daselbst für Gewährung der Preßfreiheit und Abschaffung des Nachdrucks zu wirken. Nachdem die Deutsche Bundesakte in ihrem Art. 18 die Zusicherung gegeben hatte, daß die Bundesversammlung sich bei ihrer ersten π mit Abfassung gleichförmiger Bestimmungen in beiden Beziehungen beschäftigen werde, übernahm C. 1816 wieder den Auftrag, in Frankfurt die Erfüllung dieses Versprechens zu erstreben. Im J. 1815 erschien er als gewählter Abgeordneter auf dem württemb. Landtage, wo er mit dem Grafen Waldeck die alten Rechte des Stammlandes reklamierte. Als Virilstimmenführer der den Besitzungen der Grafen von Bissingen erteilten Stimme wohnte er dem verfassunggebenden Landtage von 1819 bei und gehörte in jener Eigenschaft zu den Unterzeichnern des württemb. Verfassungsvertrags. Seit 1820 ritterschaftlicher Abgeordneter des Schwarzwaldkreises, wurde er 1821 Mitglied des permanenten ständischen Ausschusses und 1824 Vizepräsident der Zweiten Kammer; beides blieb er bis 1831. Sein Geschäft gewann inzwischen eine immer größere Ausdehnung. Neben dem deutschen Buchhandel wendete C. auch der deutschen Kunst besondere Teilnahme und Pflege zu. So entstanden unter seiner Mitwirkung das Prachtwerk über den kölner Dom von Sulpiz Boisserée und die lithographischen Wiedergaben der Sammlung altdeutscher Gemälde im Besitze der Brüder Boisserée (jetzt in der Pinakothek zu München). Großartige Anstalten für alle graphischen Künste wurden von C. angelegt und fanden bei König Ludwig von Bayern wohlwollende Unterstützung. Im J. 1824 stellte er eine Dampfschnellpresse zu Augsburg auf, die erste in Bayern, und drei Jahre später gründete er in München die Litterarisch-artistische Anstalt für lithographische Vervielfältigung und Kupferdruck nebst Buch⸗, Kunst- und Landkartenhandlung. Ungeachtet dieser Verzweigungen seines Geschäfts, eines ausgebreiteten Briefwechsels mit Gelehrten, Künstlern und Staatsmännern, häufiger Reisen, einer erfolgreichen Thätigkeit als Landwirt fand er immer noch Zeit zu industriellen Unternehmungen. Er war von allen Grundbesitzern Württembergs der erste, der die Leibeigenschaft in den Orten seiner Herrschaft Plettenberg abschaffte. überall suchte er durch Beispiel und Hilfe auf das Landvolk zu wirken, so insbesondere im Hungerjahre 1817. Im J. 1825 machte er einen Versuch mit der Dampfschiffahrt auf dem Bodensee, die er 1826 mit den betreffenden Regierungen auf dem gesamten Rhein regulierte. Ebenso wurde von ihm der Plan einer Hypotheken⸗ und Wechselbank für München bis ins einzelne ausgearbeitet. Um den von ihm früher vermittelten Hanmißt, sind unter K aufzusuchen. delsverein zwischen Württemberg und Bayern auch auf Preußen auszudehnen, wurde er von den beiden erstgenannten Staaten 1828 nach Berlin gesendet, wo er zu den Vorkämpfern des deutschen Zollvereins a dessen Abschluß er aber nicht mehr erlebte. C. starb 29. Dez. 1832 1 Stuttgart. Vgl. «Briefwechsel zwischen Schiller und C.y (herausg. von W. Vollmer, Stuttg. 1876). C. war zweimal verheiratet gewesen. Als Erben hinterließ er aus seiner ersten Ehe (die zweite war kinderlos geblieben) einen Sohn Freiherrn Georg von C. (geb. 19. Juli 1796) und eine Tochter Ida (geb. 8. Dez. 1806, gest. 9. Febr. 1862), die seit 1824 mit dem württemb. Kammerherrn Freiherrn Herm. von Reischach (geb. 2. Dez. 1798, gest. 8. April 1876) vermählt war. Die Aurhan Güter kamen als unveräußerliches Familienerbgut an erstern. Unter der Agide desselben wurden die vom Vater übernommenen größern Unternehmungen fortgesetzt, wobei ihn sein Schwager in der thätigsten Weise unterstützte. Im J. 1833 wurde in der Person Louis Roths ein ausgezeichneter Mitarbeiter, einige Jahre später für die speziellen Unternehmunen der Litterarisch-artistischen Anstalt in München Rudolf Oldenbourg ins Geschäft berufen. Neu entstanden unter anderm die „Deutsche Vierteljahrsschrift» (seit 1838), das Wochenblatt für Land- und Hauswirtschaft, Gewerbe und Handely seit 1834), die Bibliothek der Reisen und datschen chreibungeno (seit 1835) u. s. w. Von deutschen Klassikern, namentlich von Schiller und Goethe, wurden zablreiche zeitgemäße Ausgaben veranstaltet. Durch Ankauf der G. J. Göschenschen Verlagshandlung in Leipzig (1. Jan. 1839) und der von Vogelschen Verlagsbuchhandlung in Landshut (1. Jan. 1845) sowie durch Gründung einer Bibelanstalt in Stuttgart und München (1845) gewann das Geschäft bedeutend an Ausdehnung. Georg von C. hatte die Rechte studiert, war 1819 und 1820 als Legationsrat in Frankfurt a. M. und Wien thätig und wurde 1821 königl. bayr. Kammerherr. Wiederholt war er auch ritterschaftliches Mitglied der württemb. Ständeversammling. Aus seiner Ehe mit der Freiin Sophie von Adlerflycht (geb. 4. Aug. 1803, gest. 24. Aug. 1838) entsprangen sieben Kinder, zwei Söhne und fünf Töchter. Er starb 31. Jan. 1863. Der älteste Sohn, Freiherr Georg Astolf von C., geb. 30. Jan. 1833, Doktor der Rechte und württemb. Kammerherr, erbte die Herrschaft Plettenberg und das Rittergut Hipfelhof und wurde auch Inhaber des Günderrode-Adlerflychtschen Fideikommisses; er starb 20. Mai 1876. Das Casche Geschäft, welches sämtlichen Gliedern der Familie gemeinschaftlich gehört, umfaßte zur Zeit des Todes von handt von C. (1863): 1) die J. G. Cottasche Buchhandlung in Stuttgart nebst einer Verlagsexpedition in Augsburg; 2) die Expedition der «Allgemeinen Zeitung zu Augsburg nebst dazugehöriger Druckerei; 3) die Litterarisch-artistische Anstalt in- München mit einer Stein⸗ und Farbendruckerei; 4) die G. J. Göschensche Verlagshandlung in Leipzig; 5) die von Vogelsche Verlagsbuchhandlung in Landshut; 6) die Bibelanstalt der J. G. Cottaschen Buch handlung in Stuttgart und München; 7) die Bu druckerei nebst Schriftgießerei und Stereotypieranstalt zu Stuttgart. Die Göschenschen und von Vogelschen Verlagsbuchhandlungen, die Bibelanstalt und die Litterarisch-artistische Anstalt gingen Ende der sechziger Jahre nach dem Ausscheiden der bisherigen Mitbesitzer L. Roth und R. Oldenbourg in andere Hände über, während das Hauptgeschäft mit den übrigen Zweigen unter der Leitung der Freiherren Karl von C. (geb. 6. Jan. 1835), zweiten Sohnes Georgs von C., und Hermann Albert von Reixs — eines Sohnes des obenerwähnten Herm. von Reischach (geb. 3. Okt. 1826), verblieb. Seit dem Tode des letztern (5. April 1876) und dem des Freiherrn Georg Astolf von C. (20. Mai 1876) ist Karl von C. alleiniger Leiter des Geschäfts. Die „Allgemeine Zeitung wurde im Juni 1882 Eigentum einer offenen Handelsgesellschaft, bestehend aus Karl von C. und 11 (8 weiblichen und 3 männlichen) Verwandten des Hauses C., und am 1. Okt. 1882 von Augsburg nach München verlegt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 633Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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