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GeschichteBrockhaus 1882

Sardinien (ital. Sardegna, frz. Sardaigne), eine Meer des Königreichs Italien im Mittelländischen Meere, nach Sicilien die größte dieses Meeres, hat mit den Küsteneilanden einen Flächenraum von 24 342 alm und wird durch die Bonifaciusstraße von Corsica geschieden. Die Insel bildet eine ziemlich bompäkte Masse von 277 km Länge und durchschnittlich 111 Em Breite. Im O. findet sich der nur wenig einschneidende Golf von Orosei oder Dorgali, an der zersplitterten Nordostküste die kleinen Golfe von Terranova, Congianus und Arsaschena, im NW. der Golfo dell' Asinara, im W. der von Oristano, im SW. und S. die von Palmas und Cagliari. Namhafte Küsteneilande sind im SW. Sant' Antioco und San-Pietro, im NW. Ainara, im NO. Madalena, Caprera (Besitztum Gribaldis) und eine Menge anderer. Die Insel S ist zum größten Teil gebirgig; doch nehmen die höchsten, die Granitgebirge (mit Höhen von 1000— 1625 mund mehr), nur die östl. Hälfte ein. Etwa in der Mitte zwischen N. und S. aber der Ostküste der Insel näher, liegen die beiden höchsten Gipfel: der 1918m hohe Brunca und der 1865 m hohe Monte-Gennargentu. Am Nordende zeigt sich eine zertrümmerte Kalkformation, welche mit derjenigen von Corsica identisch ist. In der Mitte der Insel lehnt sich westlich an das Hauptgebirge ein vom Tirso umflossenes, bis 390 m hohes tertiäres Bergland an, in welchem der erloschene Vulkan Monte-Ferru (in seiner Spitze Urticu 1050 maufsteigend) bis an die Westküste vordringt und in seinem Krater das Dorf Lussargiu birgt. Auch südlicher, bei Oristano, befindet sich ein hasaltischer Vulkanberg, der Arci. Im NW. vom Monte-Ferru erheben sich dagegen die Schiefer⸗ und Granitberge Gocceano und Bosa mit 1230 m. Die äußerste Nordwestecke der Insel nimmt die durch eine kleine Tiefebene abgetrennte Gebirgsgruppe La-Nurra ein, welcher die langgestreckte, bis 394 m hohe Insel Asinara vorliegt. Auch der südwestlichste Teil der Insel bildet ein eigenes Bergland, von dem übrigen Hochland durch die von Oristano gegen SO. bis Cagliari hinziehende, durch ihre Fruchtbarkeit berühmte Tiefebene Campidano getrennt und durch das Flußthal des Sixerri in einen südl. und nördl. Abschnitt geteilt. In ersterm erhebt sich die Punta-Severa 986 m, in letzterm der Monte-Linas 1242 m. Die Hochebenen der Insel sind teils aus Granit, teils aus Trachyt, teils aus Kalk gebildet. Der Bergbau und Hüttenbetrieb liefert viel Blei und Bleiglätte zur Ausfuhr, außerdem Eisen und etwas Silber, Kupfer und Braunkohlen. Unter den 9 Sordun Mineralquellen sind die von Sardana und Fordungianus die bedeutendsten, Vendutti aber trotz der schlechten Einrichtungen am meisten besucht. An Wasser zeigt sich kein Mangel. Doch ist unter den zahlreichen Flüssen kein einziger schiffbar, auch nicht der bedeutendste, der bei Oristano mündende Tirso (Thyrsus der Alten). Die meisten Gewässer versiegen im Sommer. Salzseen befinden sich an der Küste wie im Innern und liefern beträchtliche Quantitäten Salz zum Export. Das Klima ist sehr heiß und in der Zeit vom Juli bis Ende Oktober selbst in höhern Gegenden ungesund, da in diesen Monaten die Malaria (hier Intemperie genannt) S. heimsucht. Der Regen bleibt oft vier bis fünf Monate aus. Der Boden ist sehr fruchtbar an Getreide, Hülsenfrüchten, Obst, Wein, Feigen und andern Südfrüchten. Holz gibt es in Menge, da die Waldungen 20 Proz. der Bodenfläche bedecken. Die Pferde (1875: 51 919), sowie das Hornvieh (172561) sind klein, aber mutig, schnell und gut gebaut. Ziegen zählte man 221317, Schweine 81384, Schafe 572 689. Eigentümlich sind der Insel das einhufige Schwein, der sardin. Hund, das Muffeltier u. s. w. Die Bevölkerung beträgt (1884) 706 194 E. (29 auf den Quadratkilometer), S. hat mithin unter allen ital. Compartimenti die schwächste Bevölkerung. Die Ursache dieser geringen Zahl liegt besonders in dem feudalistischen und hierarchischen Druck, der seit Jahrhunderten auf dem Landvolke lastete und alle Keime des Wohlstandes erstickte. Mehr als zwei Drittel des Landes gehörten als Lehnsgüter den Baronen, meist span. Familien; auch die Geistlichen hatten viel Grundbesth und erhielten von allen Erzeugnissen den Zehnten. Diese Mißverhältnisse wurden seit 1836 und 1837 durch Abschaffung der Patrimonialjustiz und der persönlichen Dienstleistungen, seit 1838—47 durch allmähliche Ablösung des bäuerlichen Besitzes von den Grundlasten und andern drückenden Abgaben durch die Regierung gemildert. Der Sarde ist ernst, würdevoll, gastfrei und, gleich dem Corsen, rachgierig, aber arbeitsam, aufgeweckt und erfinderisch. Der sardin. Bauer trägt Kleider von gegerbtem Leder und hüllt sich selbst während des Sommers in Schafpelze ein, welche ihm jedoch gegen die Malaria wirksamen Schutz bieten. Die Sarden sind zumeist Italiener, gemischt mit Spaniern und andern Völkern, und reden einen eigentümlichen, in manchen Beziehungen dem Spanischen sich nähernden Dialekt, der indessen auch viele altlat. Worte und Formen bewahrt, welche die andern ital. Dialekte aufgegeben haben; die Vornehmen sprechen ein reineres Italienisch. Aus Mangel an Unterrichtsanstalten ist der größte Teil des Volkes in der Geistesbildung noch sehr zurück; von 10000 E. waren im J. 1872 8798 des Lesens und Schreibens völlig unkundig. Jedoch erfreut sich die Volkspoesie großer Pflege. Alle bekennen sich zur kath. Kirche. Die Hauptbeschäftigung der Bewohner bilden Ackerbau und Viehzucht. Ferner wird viel Ol und Wein bereitet. Die Sardinischen Weine gleichen den spanischen, haben viel Feuer, ein herrliches Bouquet und übertreffen alt an Güte und Lieblichkeit die Cyprier. Berühmt sind der Malvasier von Bosa, der von Pirri und Quartu bei Cagliari, der Nasco, der Monaco, der Muragus von Cagliari, der Giro, ein rötlicher, starker, füßer Wein, und der wohlschmeckende weiße Vernaccio. Fabriken und Manufakturen fehlen fast ganz. Ungeachtet der günstigen Lage hatte die Insel bisher keine Schiffe. Sogar die Thun⸗ und Rorallenfischerei wird von Engländern, Franzosen, Genuesern und Sicilianern getrieben, die für die Erlaubnis zu dem Thunfis —— — an einige sardin. Familien, für die Korallenfischerei aber an den König einen Pacht zahlen. Der Handel steht, obschon ihn zwölf Häfen (Cagliari, Terranova, Porto-Torres, Carloforte u. a.) unterstützen, schon wegen mangelhafter Kommunikation im Innern des Landes auf einer sehr niedrigen Stufe. Zur Einfuhr gelangen namentlich Kolonialwaren, Baumwoll⸗ und Wollwaren und Steinkohlen. Regelmäßige Dampfschiffverbindungen (Società Rubattino) bestehen von Cagliari aus mit Livorno, Civitavecchia (direkt und längs der Ostküste S.s über Tortoli, Orosei, Siniscola und Terranova), Neapel, Palermo und Tunis, von Porto-Torres aus mit Livorno und (über Maddalena und Terranova) mit Civitavecchia; außerdem verkehrt ein Dampfer zwischen Cagliari und Porto-Torres längs der Ostküste. Bis vor kurzem war die einzige vorhandene Chaussee die von Cagliari nach Sassari (186 km). Die Eisenbahnen der Insel gehören sämtlich der Königlichen Gesellschaft der Sardinischen Bahnen mit dem Sitz der Direktion in Rom; im Betrieb sind die drei Linien: Cagliari-Oristano-Golfo degli Aranci (306 km), (Cagliari⸗) Decimomannu-Iglesias(37Km) und Porto-Torres-Sassari-Chilivani (67 km). Die Regierung der Insel führte früher eine Vizekönig und ein besonderes Ministe⸗ (rium. Auch bestanden Reichsstände, zusammenjesetzt zufolge eines Statuts von 1355 aus Geistichen, dem Adelsstande und Abgeordneten der königl. Ortschaften. Erst seit Oit. 1847 ist die Insel der Monarchie völlig einverleibt. Es gibt in S. zwar zwei Universitäten, zu Cagliari und Sassari: nichtsdestoweniger liegen die Wissenschaften gänzlich darnieder. Die Staatseinkünfte waren sonst so unbedeutend, daß damit nicht die öffentlichen Kosten bestritten werden konnten. Das Militär wurde früher (vor Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in ganz Italien) durch Werbung ergänzt, da der Sarde wie der Corse gegen den Kriegsdienst großen Widerwillen hat. ᷓᷓ administrativer Beziehung wird S. in zwei Provinzen geteilt: Cagliari im Süden (13 615,4 ꝗqkm mit [1881) 419972 E.) und Sassari im Norden (10 726,65 k6m mit 260478 E.). Die erstere zerfällt in die vier Distrikte: Cagliari, Iglesias, Lanusei und Oristano, zusammen mit 257 Communi: die letztere in die fünf Distrikte: Alghero, Nuoro, Ozieri, Sassari und Tempio-Pausania, zusammen mit 107 Communi. In kirchlicher Beziehung umfaßt S. drei Erzbistümer: Cagliari, Oristano und Sassari, und acht Bistümer. Die Hauptstadt ist Cagliari. Geschichte. Die Insel S., im frühen Altertum Ichnusa oder Sandaliotis, nach ihrer fußsohlenähnlichen Form, später Tacde von den Griechen, Sardinia von den Römern genannt, war ursprünglich im südl. Teile von dem libyschen, wahrscheinlich schon mit Phöniziern gemischten oder unter deren H stehenden Volke der Jolaer oder Ilier, außerdem von den iber. Stämmen der Sarden erdenahe griech., Sardi lat.) und Balearen, im Norden aber, ebenso wie ganz Corsica, von Ligurern bewohnt. Zu diesen kamen an den Westküsten Niederlassungen der auch an den ital. Küsten seßhaften pelasgischen Tyrrhener, die nachmals in den Besitz der etrusk. Seestädte Übergingen. Die griech. Kolonien der Phocäer, die nachher Massalia gründeten, vielleicht auch später der Massalioten selbst, namentlich Olbia (jetzt Terranova) an der Nordostküste, scheinen von keiner langen Dauer gewesen zu sein. Später, seit 500 v. Chr., legten die Karthager an der Südküste die Handelsniederlassungen Caralis und Sulchi oder Sulci an, von wo aus diese allmählich ihre Herrschaft über die Küsten ausdehnten. Auf die Phönizier deutet der Umstand, daß fast alle Städte der Insel, auch im Innern, phöniz. Namen tragen. Auf die pelasgischen Kolonien scheinen die noch vorhandenen zahlreichen (über 2000) Nuraghi oder Nuraggi (sardisch für muraglie, murazzi, d. i. Mauern) hinzuweisen, mächtige nach oben konisch verjüngte Rundtürme von Quadern, mit schmalem oft unterirdischen Eingang und engen lichtlosen Kämmerchen, Baulichkeiten, die meist 18 m Höhe, an der Grundfläche einen Durchmesser von 30 m haben, aus verschiedenen Steinarten auf Hügeln in der Ebene erbaut und bisweilen mit einem Wall umgeben sind; sie finden sich in Gruppen von 20 bis 80, ja bis 200 zusammen. (Vgl. Spano, «Memoria sopra i Nuraghi di Sardegna, Cagliari 1867.) Grabmäler sind die Tumbas de los Gigantes, d. h. Riesenbetten, längliche Vierecke, aus Steinen geschichtet, 5—IIm lang und 1—2 mebreit. Seltener sind die Perdas fittas oder Perdas lungas, den kelt. Menhirs und Dolmen entsprechende Steindenkmäler. Nach dem ersten Punischen Kriege kam S. 238 von den Karthagern in die Gewalt der Römer und bildete mit Corsica eine Provinz mit der Hauptstadt Caralis (ietzt Cagliari), wurde jedoch 215, 181 und 115 v. Chr. durch gewaltige Aufstände der Bergbewohner erschüttert. Die Kornausfuhr war im Altertum eine bedeutende, auch der Bergbau von Wichtigkeit. In der Polhe war S. nacheinander im Besitze der Vandalen seit 458, der byzant. Kaiser seit 533 n. Chr., der Sarazenen seit Mitte des 8. Jahrh., um 1016 fast ganz in dem des Mugahid, Emirs der Balearen, seit 1007 und nach abermaliger Eroberung durch die Sarazenen (1022) der Pisaner (seit 1052), bei welchen Wechseln der Herrschaft es an langen und blutigen Kämpfen nicht fehlte. Die Pisaner setzten zur Regierung des Landes vier Richter in Cagliari, Torres (Logudoro), Gallura und Arborea ein, welche sich bald nicht nur große Macht, sondern auch die Erblichkeit ihrer Würde verschafften. Mit Unterstützung der Genueser gelang es dem Richter Bariso (Boruson) von Arborea, sich zum Oberherrn der ganzen Insel zu machen, die nun Kaiser Friedrich I. 1164 zu einem Königreiche erhob. Nach mancherlei innern Wirren machte Kaiser Friedrich II. seinen natürlichen Sohn Enzio (s. d.) zum Könige von S. Nach dessen Gefangennehmung durch die Bologneser bemächtigten sich 1250 wieder die Pisaner der Insel, mit Ausnahme von Arborea. Papst Bonifaz VIII. maßte sich die Oberlehnsherrlichkeit über das Königreich an und belehnte damit und mit der Insel Corsica 1296 den König Jakob II. von Aragonien; doch erst 1324 gelangte dieses Haus zum ruhigen Besitz der Herrschaft, über Arborea erst 1386. Bald war S. wieder der Schauplatz vieler Empörungen und verwüstender Bürgerkriege. Die Giudichessa Eleonora von Arborea (gest. 1404) zeichnete sich durch Verleihung des Gesetzbuchs Carta de logu aus, dessen Geltung 1421 durch Alfons von Aragonien über die ganze Insel ausgedehnt wurde. Mit Ferdinand dem Katholischen hörte die Verwaltung S.s durch einheimische Fürsten auf und es traten span. Vizekönige an deren Stelle. Es gehörte nun zu Spanien, bis es im Spanischen Erbfolgekriege (s. d.) 1708 von den Engländern für Osterreich erobert und besetzt wurde. Im Utrechter Frieden von 1713 wurde die Insel förmlich dem Hause Ssterreich zugesprochen. König Philipp V. von Spanien eroberte sie zwar 1717 wieder; doch mußte er sie alsbald, durch Frankreich, England und Ssterreich genötigt, aufs neue abtreten. Hierauf trat Osterreich gegen Sicilien, das der Herzog Victor Amadeus II. von Savoyen im Utrechter Frieden als Königreich erhalten hatte, 1718 (1720) die Insel S. an diesen ab. Seit dieser Zeit bildete sie mit Savoyen und Piemont das Königreich S. v». Litteratur. Vgl. Hörschelmann, «Gerchichte, Geographie und Statistik der Insel S. » (Berl. 1828); Manno, «Storia de Sardegna (4 Bde., Tur. 1825), reicht bis 1773; derselbe, Storia moderna de Sardegna 1773—99 (Flor. 1858); de Vico, «Historia general de la isla et reyno de Cerdena (2 Bde., Barcel. 1839); Graf Alberto Ferrero della Marmora, «Voyage en Sardaigne ou deéscription statistique, physique et politique de cette Uer (5 Bde., Par. u. Turin 1839 -60, nebst Atlas; Bd. 4 u. 5 besonders auch unter dem Titel „Itinéraire de L'ile de Sardaigne (Tur. 1860), das beste Werk über die Insel; derselbe gab auch heraus die vorzügliche «Carta dell' Isola e Regno di Sardegna (2 Blätter, 1845, mit Nachträgen bis 1860); Neigebaur, »Die Insel S. v Lpz. 1853); Boullier, L'Ile de Sardaignen Par. 1865); von Maltzan, «Reise auf der Insel

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 234Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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