FeedSchamyl
GeschichteBrockhaus 1882

Schamyl (d. i. Samuel) oder Schemyl (Ben-Mohammed Schamyl Effendi), genannt Fürst der Gläubigen, der vormalige Prophet und Sultan der kaukas. Bergvölker, geb. 1797 im Aul Himry im Gebiete der tatar. Koissubelinen im nördl. Daghestan, studierte arab. Grammatik und Philosophie und neigte in religiöser Beziehung sich der Lehre des Kasi-Mollah zu, einer Erneuerung des Sufismus, welche bald zu einem Bande der Einigung für die zersplitterten Stämme Daghestans wurde. Als 1824 der Aufstand gegen die Russen losbrach, schloß sich S., der bis dahin als Murid (Geistlicher) gelebt, mit Kasi-Mollah dem Kampfe an. Beide warfen sich, als die Russen unter Rosen e6n den Koissu siegreich vordrangen, in die Bergfeste Himry und erwarteten hier den Feind. Bei dem Sturm vom 18. Okt. 1831 fielen mit Kasi-Mollah sämtliche Verteidiger. Nur S., obschon schwer verwundet, entging dem Tode. Der Ruf der Heiligkeit, in dem S. bereits stand, wurde durch diese Rettung noch erhöht, sodaß er, als Hamssad Bei, der Nachfaller Kasi-Mollahs, 1834 durch Meuchelmord gefallen, zum Haupte der Sekte gewählt wurde. Er war von nun an bestrebt, durch die Macht religiöser Begeisterung die Bergvölker Daghestans (Tschetschenzen, Lesgier, Kumüken u. s. w.) einheitlich zu organisieren, und bildete eine Art theokratischen Staatswesens sowie ein Kriegssystem aus, das sich besonders seit 1839 bewährte. Sein erster Gegner war der General Grabbe, welcher 11. Juni 1839 vor der Bergfeste Achulgo, der damaligen Residenz S.s, erschien, dieselbe aber erst nach heftigster Gegenwehr 22. Aug. mit Sturm nehmen konnte. S. entkam abermals auf merkwürdige Weise und nahm seinen Sitz in der Bergfeste Dargo. Dort schlug er im Mai 1842 den Feind zurück und fiel 1843 in das den Russen unterworfene Awarenland ein. Nachdem 1844 Woronzow Statthalter vom Kaukasus geworden, nahm der b0ch 5 für die Russen eine günstigere Wendung. Dennoch brachten die von S. und dessen Statthaltern (Naibs) geführten Bergvölker den Russen noch immer große Verluste bei. Nachdem 1845 Dargo mit großen Opfern genommen worden, brach S. 1846 in die Kabarda ein. Er nahm die von den Russen erbaute Feste Gerghebil und verteidigte diese bei dem Sturm, den die Russen unter Woronzows Leitung 13. bis 16. Juni 1847 vergeblich unternahmen. Dann zog er sich nach der Feste Salty zurück, von wo aus er sich 1848 glücklich in das Gebirge durchschlug. Dasselbe geschah auch 1849, als die Feste Achulgo nach 11 Monate langer Belagerung und dreimaligem Sturm (27. Juli, 17. Aug. und 21. bis 29. Aug.) den Russen in die Hände fiel. Nun setzte S. aufs neue alle Mittel in Bewegung, um die Bergvölker für den heiligen Krieg gegen die Russen zu gewinnen, sodaß er 1850 denselben sowohl am Terek wie am Kuban wieder gegenüberstand. Während Mohammed-Emin im Westen das ganze linke Kubanufer gewann und Murad Bei im Osten die Russen bis über den Terek zurücktrieb, operierte S. selbst 185051 in der Tschetschna und streifte bis in die transkaukas. Ebene hinab. Trotz seiner Erfolge verlor jedoch S. in den blutigen Kämpfen seine tapfern Streiter, und das Vertrauen der Bergvölker auf ihren Führer begann zu sinken. Außerdem übernahm der energische Barjatinskij das Kommando auf der östl. Kaukasuslinie und beschränkte durch seine Unternehmungen S. immer mehr auf die Verteidigung. Beim Ausbruch des Orientkriegs zog S., welcher durch die Türken und die Westmächte Unterstützung von Geld und Waffen erhalten hatte, seine Kräfte zusammen und alarmierte durch einen kühnen Einfall in Kachetien die Russen bis nach Tiflis hin. Nach dem Pariser Frieden von 1856 begannen die Russen ihre Operationen im Kaukasus mit neuer Kraft. Nachdem sie den wichtigen Paß von Argun genommen, brachten sie S. 1I. Aug. 1858 eine schwere Niederlage beim Aul Ismail bei. Am 12. April 1859 stürmten die Russen nach langer Belagerung die Feste Weden, wodurch die Macht S.s vollends in Trümmer fiel. S. zog sich zurück in seine letzte Zufluchtsstätte, die Bergfeste Gunib (in Daghestan), — der georgischen Heerstraße und dem Kaspischen Meer, wo er sich nach verzweifeltem Kampfe 6. Sept. 1859 dem General Barjantinskij ergeben mußte. Man brachte ihn über Moskau nach Petersburg, wo er eine rücksichtsvolle Behandlung erfuhr. Später nahm S. mit seiner Familie Aufenthalt zu Kaluga, seit Dez. 1868 zu Kiew, siedelte im Jan. 1870 na Mekka über und starb im März 1871 zu Medina. Im Sept. 1869 war er mit seinen Nachkommen in den erblichen Adelsstand des Russischen Reichs erhoben worden. Einer seiner Söhne trat in russ. Militärdienst, ein anderer, Gahzi Mohammed, lebte in Konstantinopel und befehligte 1877 im I4. gegen Rußland in Armenien ein tscherkessisches Korps.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 299Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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