Schopenhauer (Arthur), hervorragender und einflußreicher deutscher Philosoph, geb. 22. Febr. 1788 in Danzig, Sohn eines angesehenen Kaufmanns und der als Schriftstellerin bekannten Johanna Schopenhauer (s. d.), hielt sich in seiner Jugend mit den Eltern längere Zeit in Frankreich und England auf und erlangte so eine ausgezeichnete Bekanntschaft mit der Sprache und Litteratur beider Länder. Im J. 1809 bezog er die Universität Göttingen, auf der er sich zuerst den Natur—⸗ wissenschaften und der Geschichte widmete, aber durch Gottlob Ernst Schulze (s. d.) der Philosophie zugeführt und namentlich auf Plato und Kant hinewiesen wurde. Im J. 1811 siedelte er nach erlin über, um Fichte zu hören, fand sich jedoch in seinen Erwartungen getäuscht. Im J. 1813 promovierte er in Jena mit der Abhandlung Küber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunden (Rudolst. 1813; 4. Aufl., Lpz. 1875). Darauf brachte er den Winter in Weimar zu, wo er Goethes nähern Umgang genoß und durch den Orientalisten Fr. Majer in das ind. Altertum eingeführt wurde. In den J. 1814—18 privatisierte er in Dresden. Während dieser Zeit entstand sein philof; System, welches er in seinem Hauptwerke „Die Welt als Wille und Vorstellunge (Lpz. 1819; 5. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1879) darlegte. Vorher noch veröffentlichte er die optische Abhandlung «über das Sehn und die Farbenp (Lpz. 1816; 3. Aufl. 1870; in lat. Bearbeitung in Radius' Scriptores ophthalmologici minoreso, Tl. 3, Lpz. 1830), in welcher er zu den Datar der Goetheschen Farbenlehre die erklärende «Theoriey liefern wollte. Im Herbst 1818 reiste S. nach Rom und Neapel. Nach der Rückkehr habilitierte er sich 1820 an der Universität zu Berlin, hielt aber nur ein Semester hindurch Vorlesungen. Im Frühjahr 1822 wandte er sich wieder nach Italien, kehrte 1825 nach Berlin zurück und siedelte 1831 nach Frankfurt a. M. über, wo er seitdem lebte und 21. Sept. 1860 starb. An seinem 100jährigen Geburtstage soll ihm dort ein Denkmal errichtet werden. In günstiger äußerer Lage und ohne Amt, konnte S. seine Zeit ganz der Ausbildung seines Systems widmen. Nach einem vieljährigen Schweigen der Indignation über die Nichtbeachtung seines Hauptwerks und die weite Verbreitung der Hegelschen Philosophie, der er gänzlich abgeneigt war, veröffentlichte er erst 1836 wieder eine kleine Schrift: «über den Willen in der Naturo (4. Aufl., Lpz. 1878), welche die Bestätigung seiner Metaphysik durch die empirischen Wissenschaften erörtert und zugleich den Hauptpunkt derselben so deutlich und gründlich darlegt, wie sonst nirgends. Die königl. norweg. Societät der Wissenschaften zu Drontheim krönte 1839 eine von ihm eingelieferte Preisabhandlung «über die Freiheit des menschlichen Willenso und ernannte ihn zu ihrem Mitgliede. Diese Abhandlung gab er, zusammen mit der Schrift Küber das Fundament der Moralo, unter dem Titel heraus: „Die beiden Grundprobleme der Ethik' (Frankf. a. M. 1841; 3. Aufl., Lpz. 1881). Zu der 1844 erschienenen zweiten Auflage seines Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellungo lieferte er einen ganzen Band «Ergänzungen». Sein letztes Werk Parerga und Paralipomenav (Berl. 1851; 4. Aufl., Lpz. 1878) enthält eine Sammlung seiner kleinern philos. Schriften, die wegen ihrer populären Form besonders dazu beitrugen, seine Lehre auch in weitern Kreisen bekannt zu machen. Aus dem Spanischen übersetzte er „Balthazar Gracians Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheite (Lpz. 1862; 3. Aufl. 1877). Seine gesammelten Werke sind von Frauenstädt herausgegeben worden (6 Bde., Lpz. 1873—74; 2. Aufl. 1877). In Separatausgaben mit Einleitungen von W. Gwinner versehen, erschienen: Aphorismen zur Lebensweisheito (aus «Parerga und Paralipomenav, 2 Bdchn., Lpz. 1886) und «über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich. Leben der Gattung. Erblichkeit der Eigenschaftens (aus Die Welt als Wille und Vorstellunge, Lpz. 1886). Die Grundgedanken der Schopenhauerschen Philosophie fassen sich in Folgendem zusammen: Das Wesen und der Kern aller Dinge, das „Ding an sicho, ist dasselbe, was in unserm eigenen Innern sich als Wille kundgibt. Dieser Wille erscheint in der Welt auf verschiedenen Stufen der Objektivation (Wahrnehmbarkeit). Derselbe ist kein Resultat der Erkenntnis, sondern von dieser, die ganz sekundär, grundverschieden und völlig unabhängig. Erst auf der Stufe des Tierreichs versieht sich der Wille mit einem Intellekt, gleichsam einer Laterne zur Lenkung seiner Schritte, und nun allererst steht auch die Welt als eine objektive, d. h. vorgestellte, dem erkennenden Subjekt gegenüber. In der gesamten Natur, von der tierischen abwärts, wirkt der Wille erkenntnislos. Im Unorganischen werden seine Außerungen in Bewegung gesetzt durch bloße Ursachen; im vegetativen Leben der Pflanze und des Tieres durch Reize; erst bei animalischen,‚ d. h. erkennenden Wesen, durch Motive, und zwar bei den Tieren durch anschauliche, beim Menschen überdem durch begriffliche (abstrakte) Motive. Doch dieser Unterschied betrifft bloß die Erscheinung des Willens; an sich ist derselbe auf allen Stufen, von der niedrigsten bis zur höchsten, Einer, ist Wille zum Leben. An diese Grundanschauungen knüpfte S. eine eigentümliche Asthetik und Ethik, jene auf Platonischer Grundlage, diese vermöge ihres pessimistischen Charakters mit dem Brahmanismus 20 Buddhismus verwandt. Im Gegensatz zu andern nachkantischen Systemen, welche die Welt a priori konstruieren, bemüht sich S., die gegebene Welt zu entziffern, ihren Sinn und ihre Bedeutung zu ergreifen. Daher beruhen seine Sätze nicht auf langen Schlußketten, sondern sind unmittelbar aus der anschaulichen Welt selbst, aus der äußern und innern Erfahrung, geschöpft. Nächst dem reichen Inhalt seiner Werke ist auch die Form seiner sprachlichen Darstellung eine höchst anziehende, sodaß er zu den besten deutschen Autoren gezählt werden darf. Trotzdem fand S. erst in den letzten Lebensjahren die verdiente Beachtung, wozu wesentlich die Bemühungen seines Freundes und Schülers Frauenstädt (s. d.) beitrugen. Derselbe veröffentlichte unter anderm Briefe über die Schopenhauersche Philosophies (Lpz. 1854), «Schopenhauer⸗-Lexikono (2 Bde., Lpz. 1871), Neue Briefe über die Schopenhauersche Philosophier (Lpz. 1876), besorgte nach S.s Tode die Wiederausgabe mehrerer seiner Werke und ließ auch «Lichtstrahlen (Lpz. 1861; 4. Aufl., Lpz. 1881) aus diesen erscheinen, sowie die Schriften Arthur S. Von ihm, über ihn u. s. w.y (in Gemeinschaft mit O. Lindner, Berl. 1863) und «Aus Arthur S.s handschriftlichem Nachlaßo (Lpz. 1864). Außerdem vgl. Asher, „Offenes Sendschreiben an S. (Lpz. 1855); Cornill, «Arthur S., als übergangsformation von einer idealistischen in eine realistische Weltanschauunge (Heidelb. 1856); Bähr, «Die Schopenhauersche Philosophie in ihren Grundzügenv(Dresd. 1857); Seydel, «S.s philosophisches Systemy (Lpz. 1857); Suhle, &S. und die Philosophie der Gegenwarto (Berl. 1862); Gwinner, «S. aus persönlichem Umgange dargestellto (Lpz. 1862) in neuer, gänzlich umgearbeiteter Auflage unter dem Titel: (S.s Lebend (Lpz. 1878), und 4«S. und seine Freundey (Lpz. 1863); Foucher de Careil, Megel Et S.v (Par. 1862); Haym, «Arthur S.» (Berl. 1864); Victor Kiy, Der Pessimismus und die Ethik S.so (Berl. 1866); Asher, «Arthur S. Neues von ihm und über ihnv (Berl. 1871); J. B. Mayer, (Arthur S. als Mensch und Denkero (Berl. 1872); E. von Hartmann, Küber die notwendige Umbildung der Schopenhauerschen Philosophie aus ihrem Grundprinzip herauso in dessen Gesammelten Abhandlungen zur Philosophie des Unbewußten (Berl. 1872); M. Venetianer, S. als Scholastikero (Berl. 1873); G. Jellinek, «Die Weltanschauungen Leibniz' und S.sv (Wien 1872); Th. Ribot, La Philosophie de S.5 (Par. 1874); Briefwechsel zwischen S. und J. A. Beckero (Lpz. 1883). Eine ausführliche chronolog. Bibliographie der Schriften über S. enthält Laban, «Die Schopenhauer-Litteraturo (Lpz. 1880). Schopenhauer (Johanna Henriette), deutsche Schriftstellerin, geb. im Juli 1770 in Danzig, wo ihr Vater, Heinr. Trosina, Senator war, erhielt eine sorgfältige Erziehung und verheiratete sich mit dem Bankier Heinr. Floris S. Seit 1793 lebte sie mit ihrem Gatten in Hamburg, und 1803 traten beide eine größere Reise durch Holland, Frankreich, England und Deutschland an. Im J. 1806 nahm sie nach dem Tode ihres Gatten ihren Wohnsitz in Weimar; 1832—37 lebte sie in Bonn, dann in Jena bis an ihren Tod (18. April 1838). Die Beschreibung der von Kügelgen gemalten Bildnisse Goethes, Wielands, Herders und Schillers war das erste, was von ihr im Druck erschien. Auf Cottas Wunsch schrieb sie Fernows Leben (Tüb. 1810). Es folgten sodann die Reisen durch England und Schottlands (Rudolst. 1813; 3. Aufl., Lpz. 1826), ein Band Novellen, fremd und eigeno (Rudolst. 1816), die Reise durch das südl. Frankreich bis Chamouny » (2 Bde., Rudolst. 1817; 2. Aufl., Lpz. 1824) und die Ausflucht an den Rhein und dessen nächste Umgebungeno (Lpz. 1818). Feine Beobachtungen, verbunden mit einer leichten und anziehenden Darstellung, erwarben ihren Schriften Beifall. Dann erschien der Roman Gabrieler (3 Bde., Lpz. 1819—21: 3. Aufl., 1830), ein meisterhaftes Charaktergemälde, ein Werk über Joh. van Eyck und seine Nachfolgero (2 Bde., Frankf. 1822); die Romane Die Tantery (2 Bde., Frankf. 1823), „Sidoniap (3 Bde., Frankf. 1828) und viele, in acht Bänden (Frankf. 1825—28), dann in noch drei Bänden (Frankf. 1832) gesammelte Erzählungen und Novellen. Eine ihrer letzten Schriften war der Ausflug an den Niederrhein und Belgienv (Lpz. 1831). Ihren „Sämtlichen Schriften » (24 Bde., Lpz. 1830—31) schließt sich ihr litterarischer Rachlaß (2 Bde., Braunschw. 1839) an. Ihre Tochter Luise Adelaide S., geb. zu Hamburg 12. Juni 1797, bewies sich in Haus⸗, Wald⸗- und Feldmärcheno (2Bde., Lpz. 1844) und im Roman «Annap (2 Bde., Lpz. 1845) als gewandte Erzählerin. Sie starb 25. Aug. 1849 in Bonn.