FeedSchulverwaltung
GeschichteBrockhaus 1882

Schulverwaltung nimmt das Ministerium des öffentlichen Unterrichts ein, welches oft mit dem des Kultus vereinigt ist. In neuester Zeit hat man auch in gesundheitlicher Hinsicht besondere Anforderungen an die S. gestellt. Man hält auf lichte, freundliche Räume und auf zweckmäßige Bänke, die ein unschädliches Sitzen möglich machen. Auch für gute Luft wird durch Ventilation gesorgt, und damit die Jugend nach den Lehrstunden sich frei ergehen könne, legt man geräumige Höfe oder Schulgärten an, die außerdem noch den naturwissenschaftlichen Unterrichtszwecken dienen. Es entstand eine besondere Schulgesundheitslehre. (S. Schulhygiene.) Beim Abschluß der Jahreskurse hält die S. öffentliche Prüfungen; doch haben sich in neuerer Zeit viele Gegner derselben erhoben, und sowohl Volksschulen als höhere S. sehen bereits hier und da von solchen Prüfungen ab. Geschichte des Schulwesens. Das gegenwärtige Schulwesen Europas ist erst aus dem Christentum erwachsen. In gewisser Hinsicht kann man Karl d. Gr. als den ersten Gründer unsers Schulwesens ansehen. Er verfolgte zuerst den großartigen Plan, Bildungsanstalten für alle Stände in seinem großen Reich einzurichten, und suchte die hohe und niedrige Geistlichkeit dafür zu gewinnen. Die Verhältnisse der Zeit verhinderten aber die Ausführung, und die polit. Stürme und Kämpfe unter seinen Nachfolgern, sowie der Zustand der Kirche hemmten nicht nur den Fortschritt, sondern veranlaßten auch den Verfall der meisten von den zahlreichen S., die unter Karls d. Gr. Regierung in allen Teilen des großen Frankenreichs, besonders auch in Deutschland waren gegründet worden. Nur für die Bildung der Geistlichen und der vornehmern Stände war in den Klosterschulen (s. d.) durch Unterricht im Lesen, Schreiben, Singen, Latein, mitunter auch in einigen andern Wissenschaften notdürftig gesorgt. Für die Bildung der Jugend des Volks wurde nichts gethan. Dieser Zustand blieb bis zum 12. und 13. Jahrh., wo die Städte polit. Wichtigkeit erhielten und Handel und Gewerbfleiß aufblühten, sodaß das Bedürfnis der Bildung auch im Bürgerstande erwachte. In den Städten wurden nun S. begründet, welche neben den kirchlichen Bildungsanstalten emporwuchsen, aber freilich meist nur das Lesen und Schreiben, höchstens die lat. Sprache in ihren Unterricht aufnahmen. Die niederdeutschen Schreibschulen (dudeschen Scrifscolen), die aus dem Bedürfnis der Kaufleute hervorgingen und als rein bürgerliche Institute frei von kirchlichem Einfluß waren, können als die ersten Anfänge der deutschen Bürgerschulen betrachtet werden. Im 14. Jahrh. gingen durch Geert Groote und die geistliche Brüderschaft des gemeinsamen Lebens von Holland mächtige Anregungen aus zur Bildung des Volks durch S., während in Italien durch die sog. Wiederherstellung der Wissenschaften die höhern Studien eine neue Grundlage erhielten und eine neue Gestaltung des höhern Schulwesens vorbereitet wurde. Von jetzt an entstanden bis zum Anfang des 16. Jahrh. viele neue S., in welchen der Geist des klassischen Altertums sich geltend machte. Sie waren aber entweder nur Privatunternehmungen einzelner Männer, oder ihre Wirksamkeit beruhte doch ganz allein auf persönlicher Tüchtigkeit. Das Schulwesen war noch kein Gegenstand der staatlichen Fürsorge. Auch die niedern S. mehrten sich, blieben aber nach den Verhältnissen der Zeit nur auf die notdürftigste Bildung beschränkt. Ihre Lehrer waren größtenteils unwissend, zogen von einem Orte zum andern, genossen wenig Achtung und wurden schlecht bezahlt. Wie in dem Gewerbswesen bildete sich unter den Lehrern eine Abstufung nach Meistern und Gesellen im Sinne des Zunftwesens und ein Zunftgeist aus, und wie die Lehrer, so zogen auch Schüler (Fahrende Schüler oder Bacchanten) von einer S. zur andern, wobei sie nicht nur unwissend blieben, sondern auch zu sittlicher Roheit herabsanken. Da trat mit der Reformation ein Wendepunkt im Schulwesen ein. Die neue Kirche mußte ihrem ganzen Wesen nach in der verbesserten Jugendbildung eine Stütze suchen. Daher sprachen die Reformatoren, namentlich Melanchthon, den schon seine Zeit den Praeceptor Germaniae nannte, für Verbesserung vorhandener und Anlegung neuer S. Die frühern Anfänge eines Volksschulwesens erhielten nun Befestigung und weitere Ausbildung. Auch die Schulbildung des weiblichen Geschlechts wurde ins Auge gefaßt. Die neuen Kirchenordnungen, die überall eingeführt wurden, empfahlen die S. der allgemeinen Fürsorge, und nach dem Muster der von Melanchthon in dem KUnterricht der Visitatoreno» für die Einrichtung der S. gegebenen Vorschriften wurde der Unterricht fast in allen prot. Ländern angeordnet. Während die höhern S. bald einen Aufschwung nahmen, ging es freilich mit dem Volksschulwesen nur sehr langsam vorwärts. Unter den Protestanten haben sich um das Schulwesen der damaligen Zeit, außer Melanchthon, große Verdienste erworben: Johannes Sturm, Val. Friedland, gewöhnlich Trotzendorf genannt, Michael Neander, Sebald Heyden, Ratich, Comenius u. s. w. Die kath. Christenheit blieb in dem Eifer für die Verbesserung des Schulunterrichts nicht zurück, und die Jesuitenschulen (s. d.) erlängten Berühmtheit. Neue Hindernisse erwuchsen freilich der Entwickelung des Schulwesens durch die im Gefolge der Reformation gehenden Religionsunruhen, namentlich durch den Dreißigjährigen Krieg, der aber auch die neuen Begriffe von Staat und Staatsverwaltung und somit wieder indirekt die Fortbildung des Schulwesens im allgemeinen zur Folge hatte. Die Volksschule nach jehigen Begriffen, die sich der Erziehung und Bildung eines jeden einzelnen Kindes annimmt, war dem ganzen Mittelalter, sogar der Reformationszeit noch fremd. Sie ist durchaus ein Produkt des 18. und 19. Jahrh. Gegen das Ende des 17. Jahrh. und im 18. bildete sich nach und nach die Ansicht aus, daß die Sorge für die S. eine Verpflichtung der weltlichen Regierung sei. Die Begründung von Schullehrerseminarien, seit der Mitte des 18. Jahrh., mußte besonders dem Volksschulwesen den größten Vorschub leisten. Die schulreformatorischen Bestrebungen Basedows (s. d.) und seiner Anhänger riefen endlich eine allgemeine und für die Fortbildung der S. höchst einflußreiche geistige Bewegung hervor (s. Philanthropie), und die wiedererwachte Philosophie verbreitete gleichfalls über den Unterricht bessere Ansichten. Mit dem Anfang des 19. Jahrh. wurden allmählich aus frühern Zeiten bestehende lateinische S. in deutsche Bürgerschulen umgewandelt. Auf die Hebung des Volksschulunterrichts und dessen Methode hatten die Bestrebungen Pestalozzis (s. d.) wesentlichen Einfluß. Unter allen Ländern Europas steht in Deutschland das Schulwesen am meisten in Blüte. Für die Bildungsbedürfnisse aller Stände und Klassen ist durch zahlreiche S. jeder Art gesorgt. Der Schulbesuch ist in allen deutschen Ländern obligatorisch ([Schulzwang); daher müssen alle Kinder vom 6. bis 14. Lebensjahre, wenn sie nicht anderweit den entsprechenden Unterricht erhalten, die Volksschule besuchen, wo sie in der Religion, im Lesen und Schreiben, im Rechnen, in den Elementen der Raumlehre, den wichtigsten Realien (Geschichte, Geographie, Naturkunde) und im Singen unterrichtet werden. Seit 1816 trat Preußen an die Spitze der Schulreform, und seine Schulverfassung wurde vielfältig nachgeahmt. Lange Zeit war auch Preußen in der That auf allen Gebieten der Schule den übrigen Staaten voraus. Aber die im J. 1854 erlassenen Regulative für das preuß. Volksschulwesen fanden zahlreiche und heftige Gegner, obwohl die ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien auch anderwärts Eingang fanden. Die Allgemeinen Bestimmungen vom 15. Okt. 1872 sind jetzt an ihre Stelle getreten. Auch in Sachsen sind durch das Schulgesetz vom 26. April 1873 die zweckmäßigsten Anderungen eingeführt worden. In Beziehung auf das höhere Schulwesen sind die preuß. Einrichtungen seit Entstehung des Deutschen Reichs für alle demselben zugehörigen Staaten mehr und mehr maßgebend geworden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 513Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6