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Recht & StaatBrockhaus 1882

Während die naive Weltauffassung für die W. eine Beziehung des Denkens zur absoluten Wirklichkeit annahm und deshalb einen transscendenten Begriff der W. aufstellte, sucht man in diesem Falle nur die immanente Wahrheit, bekümmert sich um jene vorausgesetzten Dinge aanp sich gar nicht und sucht die W. der Vorstellungen nur in einer lbereinstimmung untereinander. Dies ist der kritische Standpunkt, welcher das Wesen der W. auf den innern Zusammenhang der menschlichen Vorstellungen beschränkt und dieselbe deshalb von der allseitigen Anwendung der Formen des Denkens abhängig macht, daher der kritische Begriff der W. zugleich der formale ist. Diese Formen sind teils die logischen, teils die allgemeinen Voraussetzungen, welche das menschliche Denken vermöge seiner Organisation über den Inhalt der Wirklichkeit und seine gesetzmäßigen Verhältnisse macht. Danach unterscheidet man auf dem kritischen Standpunkte logische und transscendentale Wahrheit. Die erstere ist rein formal und deshalb nur bedingt, resp. hypothetisch. Denn da die Regeln der Logik bei ihrer Anwendung nur die Richtigkeit des von ½%½. Elementen aus neu hervorgebrachten enkresultats garantieren, über die Richtigkeit dieser Elemente aber nichts bestimmen, so ist die W. eines logisch berechtigten Schlusses von derjenigen seiner Prämissen abhängig. Wenn man aber andererseits trotz der Einsicht in die Unmöglichkeit, Vorstellungen mit Dingen zu vergleichen, an dem Begriffe der materialen oder transscendenten W. festhält, so bleibt nichts übrig, als entweder auf die Erreichung des Erkenntnisideals durch die menschliche Vernunft zu verzichten, wie es der Skeptizismus thut, oder die für immer unbeweisbare lbereinstimmung der Vorstellungen mit den Dingen in mehr oder minder größerer Ausdehnung vorauszusetzen und als Postulat des Denkens zu behaupten. Dies thut im Anschlusse an das gewöhnliche Bewußtsein der Sensualismus mit den sinnlichen Geshalh so geng und der absolute Idealismus der (deshalb so genannten) Identitätsphilosophie mit dem gesamten Systeme der menschlichen Erkenntnisbegriffe, wodurch die stillschweigend angenommenen Voraussetzungen des alten Dogmatismus zum bewußten Prinzip erhoben werden. Allein jener ursprüngliche Begriff der W. erweist sich auch als zu eng, indem es W. gibt, bei denen von einer Vergleichung der Vorstellungen weder mit Dingen noch untereinander die Rede sein kann. Zu ihnen gehören vor allem die moralischen Wahrheiten, deren Geltung gerade trotzdem bestehen bleibt, daß der wirkliche Zustand der Dinge, der Menschen und der Handlungen ihnen nicht entspricht. Fragt man hier nach dem Kriterium der W., so ergibt sich wie zuletzt auch bei dem kritischen Begriffe der immanenten W. lediglich die Überzeugung von der Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit, mit welcher sich gewisse Vorstellungen in der normalen Vernunftbethätigung des Menschen geltend machen, und darin besteht in der That, wie es Kant gelehrt hat, der tiefste und reinste Begriff der W. überhaupt. In dieser Rücksicht ist die W. vermöge des Wertes, den sie teils für das gesamte praktische Leben, teils in der Entwickelung des Kulturmenschen um ihrer selbst willen hat, auf psychol. Gebiete eins der erstrebenswerten Güter, welches darum Veranlassung zu Begehrungen und Gefühlen gibt, die man als Wahrheitsbedürfnis und Wahrheitsgefühl bezeichnet. In der ästhetischen Theorie und Kritik spricht man auch von der W. der Kunstwerke: hier besteht die innere oder ideale Wahrheit darin, daß ein Kunstwerk der Idee vollkommen entspricht, die es darstellen soll, die äußere oder Naturwahrheit dagegen darin, daß das Dargestellte den geebenen Naturformen, deren Nachahmung für die arstellung der Idee das Mittel ist, genau entspricht; zu dieser gehört z. B. im Gebiete der bildenden Künste die anatom. Richtigkeit der Zeichnung, im Gebiete der Dichtkunst psychologische W. in der Entwickelung der Charaktere.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 382Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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