FeedLamartine
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Lamartine (Alphonse Marie Louis Prat de), berühmter franz. Dichter und Staatsmann, geb. 21. Okt. 1790 zu Macon, verlebte, nach Abschluß seiner Schulstudien bei den Jesuiten zu Belley, einige Jahre auf dem Lande und auf Reisen und erlangte einen hohen Rang in der Poesie mit seiner ersten Sammlung Gedichte «Méditations poétiqueso (Par. 1820), welche durch das Anschlagen eines religiös-schwärmerischen und zart-sehnsuchtigen Tons in der franz. Lyrik eine neue Epoche herbeiführten und beim Publikum außerordentlichen Anklang fanden. Der Hof wollte L. an sich fesseln und er wurde Gesandtschaftssekretär in Neapel und London, sodann Geschäftsträger in Florenz. Die Nouvelles méditations poétiqueso (1823) und die (Harmonies poétiques et religieuseso (1828) befestigten vollends seinen Dichterruhm und öffneten ihm 1829 den Eintritt in die Französische Akademie. Nach der Julirevolution unternahm er eine Reise beil dem Orient. Im Mai 1832 ging er zu Marseille mit seiner Frau und Tochter an Bord eines von ihm selbst ausgerüsteten 11f50 nach dem Orient ab. Er führte eine Bibliothek, ein ganzes Arsenal, eine Sammlung kostbarer Geschenke für Scheikhs und Paschas mit sich und reiste gleich einem souveränen Fürsten. Die Frucht dieser 16monatlichen Reise war das Werk «Voyage en Orient, souvenirs, impressions, pensées et paysageso (4 Bde., Par. 1835), ein buntes Allerlei, glänzend in der Form und oft kühn in der Auffassung, aber flüchtig in der Anlage und unzuverlässig in den Angaben. Während seiner Abwesenheit zum Deputierten gewählt, hielt er sich in der Kammer zu keiner der vorhandenen Parteien. Die in seinen parlamentarischen Reden sich äußernde tolerant-religiöse Stimmung trat auch hervor in seiner Dichtung Jocelyno (1835); La chute d'un angey (1838) wurde jedoch mit einer Kälte aufgenommen, die sich aus den Nachlässigkeiten der Form und den lüberspanntheiten des Inhalts hinlänglich erklärte und nach dem Erscheinen seiner letzten Gedichte, «Recueillements poéëtiqueso (1839), noch entschiedener zeigte. In der Kammer dagegen, wo er bis 1848 Abgeordneter seiner Vaterstadt war, erlangte L. als polit. Redner zunehmendes Ansehen. Allmählich entfernte er sich immer mehr von der ministeriellen Partei, und seine von republikanischer Gesinnung erfüllte Histoire des Girondinso (8 Bde., Par. 1847) stellte ihn ganz auf Seite der Opposition. Nach der Revolution von 1848 Mitglied der Provisorischen Reierung, Minister der auswärtigen Angelegeneiten, von zehn Departements zum Volksrepräsentanten in die Konstituierende Nationalversammlung und von dieser zum Mitgliede der Exekutivkommission gewählt, genoß er einige Monate eine unermeßliche Popularität und veranlaßte in dieser Stellung einige Regierungsmaßregeln, die viel Unheil abwandten. Sein scheinbares oder wirkliches Zusammenhalten mit Ledru-Rollin versetzte jedoch dieser allgemeinen Volksgunst einen ersten Stoß, und der Ausbruch der Juniunruhen ließ sie völlig ins Gegenteil umschlagen. Vergebens suchte er sich durch Selbstapologien (Trois mois au pouvoiry, Histoire de la révolution de 1848 v) zu rechtfertigen. Bei den Wahlen zur Gesetzgebenden Versammlung (1849) fand sich kein einziges Departement, das seine Kandidatur annahm. Nur eine Nachwahl in Orléans verschaffte ihm ein Mandat. Erregte es ferner Anstoß, daß er, um sein Familiengut Milly vom Verkauf zu retten, das Publikum in alle Geheimnisse seines Jugendlebens einweihte ((Confidenceso, 1849; (Nouvelles confidencesv, 1851), so fehlte er noch ärger, indem er endlich aus finanziellen Gründen in eine große Schnell- und Vielschreiberei verfiel. Ungeachtet des illusorischen Reichtums an Ländereien in der Türkei, der Verwertung seiner Schriften durch eine Aktiengesellschaft, der Veranstaltung von Subskriptionen und Lotterien zu seinem Besten, war bei seinem luxuriösen Leben der Ruin seiner Finanzen nicht aufzuhalten. Seine letzten Bücher: Histoire de la Restaurationo (8 Bde., 1851-53), Histoire de la Turquies (6 Bde., 1854), (Histoire de la Russie (2 Bde. 1855), sodann eine Reihe polit.⸗litterarischer Zeitschriften sind flüchtige, ohne Vorstudien, ohne Sachkenntnis hingeworfene Erzeugnisse. L.s Schriften wurden meist in alle europ. Sprachen übersetzt (deutsch von Herwegh, 30 Bde., Stuttg. 1839—53). Eine vollständige Sammlung seiner (Oeuvres complètes (40 Bde., Par. 1860—66) besorgte L. selbst. Er starb 1. März 1869 zu Passy in Paris. Seine Leiche wurde zu St.⸗Point unweit Mäcon beigesetzt. Seine Mémoireso erschienen 1871; dazu kam seine «Correspondancen (6 Bde., Par. 1873 — 75) und Poésies inéditeso (Par. 1873). Vgl. Janin, Lamartine 1790—18695 (Par. 1869); Pelletan, L., sa vie et ses uvreso (Par. 1869).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 760Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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