Latent (lat.) oder gebunden nennt man die Wärme, wenn sie von einem Körper aufgenommen wird, ohne daß sich dadurch die Temperatur dieses Körpers erhöht. Es findet dies statt beim Schmelzen und Verdampfen. Erwärmt man z. B. Eis von einer Temperatur unter 0, so steigt seine Temperatur zunächst bis O'. Da beginnt das Eis zu schmelzen, während zugleich seine Temperatur, trotz aller weitern Wärmezufuhr, stationär auf 0e stehen bleibt, bis alles Eis sich in Wasser verwandelt hat. Erst dann wird durch weitere Erwärmung die Temperatur des Wassers selbst weiter erhöht. Ähnlich ist es beim Verdampfen. Erhitzt man Wasser in einem offenen Gefäße, so steigt seine Temperatur zunächst bis 100 C. ( 80 R.). Es beginnt nun zu sieden und sich in Dampf zu verwandeln, während zugleich durch auch noch so starke Erhitzung seine Temperatur nicht uüber 100 C. erhöht werden kann. Diese beim Schmelzen und Verdampfen verschluckte, latent gewordene Wärme ist nur dazu verbraucht worden, um das eine mal das Wasser aus dem festen in den flüssigen, das andere mal aus dem flüssigen in den gasförmigen Zustand überzuführen. Um 1 kg Eis von O' in Wasser von Oe zu verwandeln, braucht man ebenso viel Wärme als um 79¼ kg Wasser um 1 zu erwärmen, oder 79¼ Wärmeeinheiten, wenn man Wärmeeinheit diejenige Wärmemenge nennt, welche nötig ist, um kg Wasser um einen Temperaturgrad zu erwärmen. Die latente Verdampfungswärme ist bedeutend größer, nämlich gleich 540 Wärmeeinheiten. Der Wasserdampf beim Flüssigwerden, sowie das Wasser beim Wiedererstarren geben beide die aufgenommene latente Wärme wieder her. Es zeigt sich übrigens nicht bloß beim Wasser, sondern überhaupt beim Schmelzen und Verdampfen aller schmelzbaren und verdampfbaren Stoffe ein Latentwerden von Wärme, freilich überall in anderm Betrage. Das Latentwerden der Wärme wurde von J. Black entdeckt (1775) und von ihm so gedeutet, als ob es einen Wasserstoff gäbe, welcher sich mit den schmelzenden oder verdampfenden Materien chemisch verbände und dadurch in der Außerung seiner Eigenschaften so lange unwirksam würde, bis der Wärmestoff bei der Kondensation der Dämpfe oder beim Erstarren der Flüssigkeiten wieder frei werden könne. Nach der neuen Wärmelehre ist die Wärme nur ein Bewegungszustand der kleinsten Körperteilchen (Wärmeschwingungen) und das Latentwerden der Wärme ist ein Verbrauchtwerden der Wärme behufs Lockerung und Verschiebung der Teilchen beim Schmelzen und Verdampfen der Substanzen, während das Wiederfreiwerden der latenten (verschwundenen) Wärme bei den entgegengesetzten Prozessen (Kondensationen oder Erstarrungen) eine Umwandlung der Massenbewegung der Körperteilchen in schwingende Bewegung der kleinsten Teilchen, d. i. in jene molekulare Bewegung bedeutet, als welche die moderne Theorie die Wärme auffaßt. (S. Wärme.)