FeedLeiche
HeilkundeBrockhaus 1882

Leiche oder Leichnam (cadaver) bezeichnet den toten Organismus sowohl im Tierreiche als auch im Pflanzenreiche. Sobald das Leben erloschen ist, nimmt der Stoffumsatz, der dem Einfluß der Blutbewegung, der Atmung, der Nahrungszufuhr u. s. w. entzogen ist, eine andere Richtung an, und es tritt Fäulnis (s. d.) ein, welche sich durch ganz bestimmte rascher oder langsamer eintretende Erscheinungen (Leichenerscheinungen) zu erkennen gibt. Bei den Tieren gerinnt das Blut, die Muskeln werden, gleichfalls infolge der Gerinnung der Muskelsubstanz, starr (Todtenstarre), das Blut fließt nach den tiefer gelegenen Stellen (Blutsenkung) und färbt die blassen Körperteile, auch die Haut, rotblau (Totenflecken). Bleibt die L. noch länger liegen, so sickert Flüssigkeit aus derselben, die Haut erhebt sich in Blasen und der anfangs schwache Fäulniseruch wird immer intensiver. Die entstehende li Jauche ist nicht bloß durch ihren Geruch widerlich, sondern oft auch den Lebenden gefährlich, die mit d verletzter Haut mit derselben in Berührung kommen. is Es entstehen von den vergifteten Stellen aus le-E bensgefährliche Entzündungen der Lymphgefäße tt (Pyämie) oder häufig wenigstens hartnäckige Entzundungen (Leichenpusteln) und Geschwüre der Haut, in andern Fällen zahlreiche Hant, schmerzhafte, warzenähnliche Knoten der Haut, die man als Leichentuberkel bezeichnet. Die Substanz 2 selbst, welche diese Erxkrankungen herbeiführt und ge.( wöhnlich Leichengiftgenanntwird, ist noch nicht genauer bekannt. Wer sich einer Infektion mit Leichengift ausgesetzt hat, lasse die betreffende kleine Hautwunde tüchtig ausbluten, betupfe sie sodann mit s Carbolwasser, Ammoniak oder Höllenstein und verbinde sie mit einem antiseptischen Verbandstoff f (Carbolsäure, Salicylsäure, Jodoform); eintretende Entzündungen bedürfen ärztlicher Behandlung. Die Leichenöffnung (Sektion, Autopsie), bestehend im Aufsägen der Schädelhöhle und Offnen der Brust⸗ und Bauchhöhle, hat zunächst den Zweck, den Arzt über die abgelaufene Krankheit zu unterrichten und der wissenschaftlichen Medizin brauchbares Material zu ihrer fernern Ausbildung zu liefern. Viele Angehörige finden auch darin eine gewisse Beruhigung, wenn sie durch die Sektion die letzte Gewißheit erlangen, daß die Krankheit unbedingt tödlich gewesen sei. Auch die Furcht, lebendig begraben zu werden, kann Anlaß zur Anstellung der Sektion werden. Tritt ein Todesfall durch die Schuld eines andern ein, oder wird dies vermutet, so beantragt das Gericht die Leichenöffnung (gerichtliche Sektion). Eine eingehende anatom. und, wenn nötig, auch chem. Untersuchung der L. gibt die Grundlagen zu dem gerichtsärztlichen Gutachten. In jedem andern Falle aber hat der Arzt oder eine andere hierzu bestellte Person (der Toten- oder Leichenbeschauer) eine Bescheinigung über den Todesfall auszustellen. An vielen Orten sind sog. Leichenhäuser oder Leichenhallen errichtet, welche den Zweck haben, die L. bis zur Beerdigung aufzunehmen. Ursprünglich wollte man durch solche Einrichtungen der Gefahr vorbeugen, lebendig begraben zu werden; gegenwärtig, wo diese Gefahr kaum mehr besteht, erfüllen sie eine andere wichtige Aufgabe. Bei ansteckenden Krankheiten ist es nämlich zweckmäßig, die L. sobald als möglich nach dem Eintritt des Todes aus der Wohnung zu entfernen, um die Überlebenden vor der Erkrankung zu bewahren. In einzelnen größern Städten bestehen Leichenhäuser, in welchen unbekannte Verunglückte zur Schau ausgestellt werden, um die Persönlichkeit zu ermitteln. Bekannt ist in dieser Hinsicht besonders die Morgue in Paris. Gute Leichenhäuser sollen nicht nur einen hallenartigen, aus einzelnen Abteilungen bestehenden und gut ventilierten Raum für Aufstellung der Särge, sondern auch Zahren. Räume zur Anstellung von Sektionen gewähren. Das erste Leichenhaus wurde auf Hufelands Anregung 1792 in Weimar errichtet.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 916Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 3

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Heilkunde 6