FeedBranntwein
Haus & KücheAppetit-Lexikon 1894

Branntwein, ursprünglich das Produet der Destillation alkoholhaltiger Flüssigkeiten (Trauben- und Obstwein)/ gegenwärtig aber zumeist durch eine Verdünnung von Alkohol mit Wasser hergestellt, wirkt in mäßigen Gaben anregend auf den Magen und wird daher vom armen Mann, der sich vorzugsweise von schwer verdaulichen Stoffen (Brot, Kartoffeln etc.) nährt, nicht ohne Ursache stark begehrt. Der Branntwein wirkt aber auch zugleich als Reizmittel auf das Nervensystem, und dieser Eigenschaft wegen wird er nur zu oft im Uebermaß genossen und dadurch zum gefährlichen Gift, unter dessen fortgesetzter Reizwirkung die Verdauungsorgane erschlaffen, die Nerven ihre Spannkraft verlieren und schließlich alle Functionen in Unordnung gerathen, so daß der Trinker dem elendesten und schmählichsten Siechthum verfällt. Diesem Uebel läßt sich aber nicht durch Moralpredigten durch Heilsarmeen und Mäßigkeitsvereine steuern, sondern einzig — durch reichliches und gesundes Essen. Vor oder nach einer substantiellen Mahlzeit ist ein Glas guten Branntweins ein wahres Utile cum dulei, zugleich ein Genuß und eine Wohlthat für den Körper. Darum alle Achtung dem Erfinder, der aber zum Leidwesen aller Guten ebenso unbekannt ist, wie das Erfindungsjahr. Wir wissen nur, daß bereits Arnold von Villanova (gest. 1312) einen Liqueur aus Weingeist, Safran und Zucker unter dem verführerischen Namen „Goldwasser“ (Aqua auri) als Arznei gebrauchte, daß Vitalis a Furno (gest. 1327) bereits vom Nutzen des Alkohols in der Mediein als von einer anerkannten und bekannten Thatsache redet, und endlich mit geringerer Zuverlässigkeit, daß noch vor Ablauf des 14. Jahrhunderts eine überreiche Weinernte die Bewohner von Modena zur Branntweinbrennerei im Großen angeregt hat. Das neue Getränk behielt zunächst den alchemistischen Namen des Alkohols Aqua vitae oder „Lebenswasser“ bei (nur daß der Volksmund ihn in Acqua di vite, „Rebwasser“, umdeutete), und der Paduaner Michael Savonarola schrieb noch vor 1431 eine sehr ausführliche Abhandlung: „Von der Kunst, einfachen und zusammengesetzten Aquavit zu bereiten“. In Deutschland, zum wenigsten in Süddeutschland, wurde der Gebrauch und Mißbrauch des Branntweins zwischen 1483 — 1493 in den Städten allgemein, denn während der Augsburger Arzt Michael Schrick ihn im erstgedachten Jahre noch als Heilmittel in den Himmel erhebt, lamentirt er zehn Jahre später ganz erbärmlich darüber, daß „nun schier jedermann gemeiniglichen sich nimmet an, zu trinken den gebrannten Wein,“ und ließ auch seine Empfehlung des zum Unhold gewordenen Wohlthäters nicht wieder drucken. Durch Deutschland wurde Polen, Rußland und der Norden mit dem „gebrannten Wein“ vertraut, und schon zu Ende des 16. Jahrhunderts war der Branntweinsoff ein europäisches Laster, wenn auch kein schönes. Das Elend des dreißigjährigen Krieges und seine traurigen Nachwehen steigerten das Bedürfniß nach Betäubungsmitteln, und nun begann man auch aus zucker⸗ und stärkehaltigen Rohstoffen (Obst und Getreide) Branntwein im Großen zu erzeugen. Die biedern Schwaben erachteten es zwar noch lange für eine Sünde, das edle Korn zu solch' nichtsnutzigem Zwecke zu verwenden, die Norddeutschen aber, denen allerdings das Feuer auf die Finger brannte, da ihr Weinbau und ihr Bierhandel völlig zu Grunde gerichtet war, machten kurzer Hand aus der Noth eine Tugend und setzten unter der Führung der Reichsstadt Nordhausen einen Kornbranntwein in die Welt, der als echter Nordhäuser oder „reines Gotteswort“ weit und breit berühmt ward und noch heute Seinesgleichen sucht. Im 19. Jahrhundert that man dann den letzten Schritt: man stellte Branntwein aus den Abfällen der Zuckerfabrication und namentlich aus Kartoffeln her, wozu allerdings der Schwede Skytte schon 1747 das Verfahren angegeben hatte. Auf diese Weise ist möglich geworden, daß Wien 1890 allein 50 788 hl Branntweingeist und 14 688 hl fertigen Branntwein importiren und Deutschland im selben Jahre rund 2 695 000 hl reinen Alkohol verbrauchen konnte. Natürlich hat auch fast jedes Land seinen Leib⸗ und Nationalschnaps: die Schweiz ihren Kirsch, Oesterreich seinen Slibowitz, Rußland seinen Dobry Wutky, Deutschland seinen Nordhäuser, Frankreich seinen Cognac, Spanien seine Aguardiente, England seinen Gin, Schottland seinen * Whisky, Westindien seinen Rum, Mexico seinen Pulque, Ostindien seinen Arak, die Türkei ihren Raki etc. Kurzum es wird in aller Welt Branntwein getrunken, und wenn zuviel getrunken wird, so ist das freilich zu bedauern, im Uebrigen aber gilt der alte Satz: Abusus non tollit usum (der Mißbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf).

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 56Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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