Cacao, von Linné schwungvoll Theobroma (Götterspeise) zubenannt, heißt sowohl die durch Pulverisirung gerösteter und geschälter Cacaobohnen hergestellte braune Masse, wie auch das durch Aufkochen dieser Masse in Milch, Wein oder Wasser bereitete warme Getränk. Die ei- oder mandelförmigen Cacaobohnen sind die Samenkörner der etwa handlangen, gelblichrothen, mit weichem, weißlichen, süßsäuerlichen Fruchtfleisch gefüllten Gurkenfrucht des immergrünen und immerblühenden Cacaobaums, der in verschiedenen Arten zwischen dem 23. Grad nördlicher bis zum 20. Grad südlicher Breite in Mittel- und Südamerika, sowie auf den Antillen heimisch ist, dessen Cultur jedoch bis ums Jahr 1600 ausschließlich auf Mexico beschränkt war, wo die Bohnen nicht blos zur Bereitung des Chocolatl, sondern zur Zeit Montezumas auch als Scheidemünze dienten. Die Azteken „rotteten“ die Bohnen im Erdreich, d. h. sie bedeckten dieselben nach der Herausnahme aus der Cacaogurke und oberflächlicher Säuberung mit Erde, bis das Fruchtfleisch völlig abgefault war, rösteten und pulverten sie dann und bereiteten ihren Chocolatl mittelst kalten () Aufgusses auf eine Mischung aus diesem Bohnenpulver mit Maismehl, Vanille und Cayennepfeffer. In dieser gepfefferten Gestalt wurde der Cacaotrank 1520 bei der Eroberung Mexicos den Spaniern bekannt und von ihnen der alten Welt mitgetheilt. Die Lobreden auf die ungemeine Nahrhaftigkeit dieser kalten Brühe fanden jedoch in Europa kein Gehör. Der Venetianer Benzoni erklärte 1572: Cacao sei eher ein Getränk für Schweine denn für Menschen, der spanische Jesuit Acosta nannte noch zwanzig Jahre später das Cacaotrinken eine Verirrung des Geschmacks, und holländische Freibeuter, denen auf einem spanischen Schiffe eine Ladung Cacao in die Hände fiel, warfen mit plumpem Spotte die kostbaren Bohnen als Schafmist über Bord. Erst als sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts unter den Händen der Spanier der kalte Chocolatl der Azteken in einen süßen und würzigen Warmtrank, die bekannte Chocolade, verwandelt hatte, kamen die Cacaobohnen in Europa immer mehr zu Ehren und begann der Baum über die Grenzen Centralamerikas hinaus gesucht und eultivirt zu werden. Zunächst empfingen die Antillen, namentlich Jamaica und Haiti den neuen Agriculturzweig. Auf Sainte-Croix pflanzte 1649 ein Engländer den ersten Cacaostamm als Lustbaum in seinem Garten an, und auf Martinique (dessen Pflanzungen aber 1727 durch einen Orkan wieder vernichtet wurden) richtete 1660 ein Jude Benjamin die erste Cacaoplantage ein. Rascher und in ungleich größerm Maßstabe gedieh der Cacaobau in Südamerika, namentlich in Venezuela, das um 1700 bereits 1500 hl, um 1760 an 3800 hl und um 1800 durchschnittlich 7000 hl Cacaobohnen jährlich ausführte. Noch heute nehmen nächst dem süßöligen Soconusco aus Guatemala und dem kleinen, schweren Esmeraldas aus Ecuador, die beide in Europa nur dem Namen nach bekannt sind, die venezuelischen Bohnen, der Caracas oder Porto cabello und der Maracaibo, die erste Stelle unter den Cacaosorten ein. Außerdem blüht der Cacaobau in Guyana (Berbice, Surinam und Cayenne), im nördlichen Brasilien (Maranham), in Columbien und in Peru, sowie auf den Philippinen und den Canarias, wohin die Spanier, auf Bourbon, wohin die Franzosen, und auf Java, wohin die Holländer den Baum verpflanzt haben. Um 1850 wurde die jährliche Cacadeinfuhr nach Europa auf 75 000 d, gegenwärtig wird sie auf mindestens das Doppelte geschätzt, und von diesem Quantum entfielen im Jahre 1890 auf Oesterreich 6541 g9, auf Deutschland aber 62 443 g9. — Der weitaus größte Theil dieser Einfuhr wird zu Chocolade verarbeitet, neben der der einfache Cacao während des ganzen 17. und 18. Jahrhunderts absolut nicht aufzukommen vermochte. Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben ihm die trefflichen Fabricate der Holländer (J. C. Blooker in Amsterdam, Bensdorp & Co. in Amsterdam und C. J. van Houten & Zoon in Weesp) allmählich wieder Eingang verschafft, und heute wird er ganz entschieden von allen denen bevorzugt, die weniger auf das Aroma und den Geschmack, als auf den Nährwerth und die Verdaulichkeit ihres Getränkes zu sehen Ursache haben. Der Verdaulichkeit dieses reinen Cacao stand jedoch der hohe Fettgehalt im Wege, der auf die Dauer für jede Zunge und jeden Magen unerträglich wird. Man entfettet daher die Masse durch starken Druck und stellt auf diese Weise den entölten oder Puder-Cacao her, unter dessen verschiedenen Sorten neben dem Holländischen der oben genannten Fabriken der Hamburger Cacao der Firma P. W. Gaedke die erste Stelle einnimmt. Der aus diesem Puder-Cacao mit Wasser oder Milch und Zucker bereitete Warmtrank ist ebenso nahrhaft wie wohlschmeckend und obendrein so leicht verdaulich, daß selbst Magenkranke sich ohne üble Nachwehen (der denkbar größte Vortheil in ihrer Lage!) daran erbauen können. — Die Cacao-Industrie ist aber nicht bei dem einfachen Puder-Cacao stehen geblieben, sondern hat durch mannigfache Zusätze sowohl den diätetischen Werth wie den Geschmack des Produetes zu erhöhen gesucht. Diesem Bestreben verdanken der Fleisch-Cacao (von Blooker in Amsterdam) aus Cacao und trockenem Fleischpulver, der Nährsalz-Cacao (von Dr. Lahmann in Dresden) aus Cacao und Pflanzensalz-Extraet, der Malto-Leguminosen-Cacao aus Cacao⸗, Malz- und Leguminosenmehl, der Eichel-Cacao aus möglichst entfettetem Cacao und Rösteicheln— Extract, der Saccharin-Cacaob (von Sprüngli & Sohn in Zürich), der Vanille-Cacao, Zimmt-Cacao, Nelken-Cacao und andere Präparate dieser Art ihr Dasein in der Welt der eßbaren Dinge, aus der sie freilich unversehens mit Stumpf und Stiel verschwinden könnten, ohne daß darum eine Lücke in der Tonleiter der irdischen Genüsse entstehen würde. Mit aufrichtigem Schmerze dagegen vermißt der europäische Feinschmecker das köstliche Cacao-Confeet, eine Delicatesse erster Güte, die in allen Cacaobau-Distrieten aus noch nicht völlig reifen Bohnen hergestellt wird, leider aber keinen weiten Transport erträgt. Nur eines vermag uns über diesen Mangel unserer Tafel zu trösten: der in seiner Art nicht minder köstliche Cacao-Liqueur, die feine, würzhafte, wahrhaft verführerische Créème de Cacao chouva à la vanille von Alexandre Droz & Co. in Bordeaux, ein Meisterstück der höhern Destillirkunst, dessen mild würziger, ölig süßer Geschmack noch lange auf der Zunge nachklingt, und dem Amerika nichts Aehnliches an die Seite zu stellen hat, am allerwenigsten seine Cacao— Chicha aus dem mit Zucker vergohrenen Fruchtfleisch der Cacaogurke, die kaum ein anderes Verdienst hat als den traurigen Ruhm, dem Trinker einen lärmenden Rausch und einen hartnäckigen Katzenjammer anzuhängen, zwei Dinge, vor denen uns der liebe Gott alle Zeit in Gnaden bewahren möge.