FeedZucker
NaturlehreAppetit-Lexikon 1894

Zucker ist süßes Salz, d. h. nicht nur Würzstoff, sondern zugleich Nahrungsmittel, das im Körper zur Neubildung verbrauchter Substanzen dient. Dieser Doppelbedeutung entsprechend, findet er sich nicht blos in beinahe allen eßbaren Pflanzen, sondern auch im Fleisch, im Blut und besonders in der Milch der Thiere und darf überhaupt für die verbreitetste chemische Verbindung der organischen Welt gelten. Seine Hauptquelle war bis in's 19. Jahrhundert hinein das Zuckerrohr, dessen Heimat in Hinterindien, namentlich Cochinchina, zu suchen ist, von wo aus es sich zuerst nach Vorderindien verbreitete. In China wird die Pflanze erst im 2. Jahrhundert v. Chr. und der Zucker erst im 4. Jahrhundert n. Chr. erwähnt — doch mit dem Bemerken, daß bereits im Jahre 286 n. Chr. das Reich Funam jenseits des Ganges dem Reiche der Mitte einen Tribut an Zucker entrichtet habe. Die Fabrication selber nahm in China erst zwischen 627 — 650 n. Chr. ihren Anfang. Aegyptern und Hebräern blieb der Zucker unbekannt, die Griechen aber erhielten durch den indischen Zug Alexander's Kenntniß von dem köstlichen Stoff und führten auch den Sanskritnamen Sarkara oder Sakkara in die abendländischen Sprachen über. Doch noch zur Zeit des Plinius wurde der Zucker nur als Heilmittel gebraucht. Erst seitdem die Araber das Zuckerrohr nicht blos in der Levante und in Aegypten (woher die Venetianer schon im Jahre 996 Zucker holten), sondern seit dem 10. Jahrhundert auch in Südspanien und in Siecilien verpflanzten, und namentlich seitdem die Kreuzfahrer den Werth der weißen Substanz im Orient genauer schätzen gelernt hatten, erlangte der Zucker allmälig eine Stellung als häufiges Genußmittel, die dann umso unerschütterlicher wurde, je weiter sich der Anbau der Pflanze ausdehnte. Zunächst gelangte das Rohr 1420 von Sieilien nach Madeira, von dort 1503 nach den Canarischen Inseln und 1531 nach Brasilien. Um 1529 wurde es nach San Domingo, um 1530 nach Mexico, 1643 nach Barbados, 1644 nach Guadeloupe, 1650 nach Martinique, 1654 nach Bourbon verpflanzt u. s. w. Zu einem eigentlichen und alltäglichen Nahrungsmittel indessen ist der Zucker erst im 19. Jahrhundert geworden, nachdem die Forschungen des Berliner Apothekers Marggraf 1747 und die Versuche des Berliner Chemikers Achard 1796 in der Runkelrübe eine zweite großartige Zuckerquelle erschlossen hatten. Zunächst schien nur Frankreich sich die neue Industrie zu nutze machen zu wollen; um 1810 aber wurden zu Quedlinburg in der preußischen Provinz Sachsen und 1830 zu Staatz in Niederösterreich durch den Grafen Colloredo-Mannsfeld, sowie zu Kleinkuchel bei Prag durch den Fürsten von Oettingen-Wallerstein gleichfalls Rübenzuckerfabriken in's Leben gerufen, und seitdem haben Oesterreich und Deutschland alle anderen Länder auf diesem Gebiete überflügelt, indem das Kaiserreich gegenwärtig an Millionen, Deutschland an 13 Millionen Doppelcentner Rübenzucker jährlich erzeugt. Die Gesammtproduction belief sich im Jahre 1893 an Rübenzucker auf 33 750 000 ꝗ, an Rohrzucker auf 17 500 000 ꝗ; der Verbrauch aber beläuft sich nach einer Berechnung vom Jahre 1883 jährlich per Kopf der Bevölkerung in Australien .. auf 40 kg Schweiz .. auf 9 kg Nordamerika. „ 25 „ Schweden. „ 8 „ Argentinien. „ 20½ „ Unugarn Holland „ Is „ Belgien Im Handel kommt der Zucker in drei Formen vor Candis, von dem in einem besonderen Artikel gehe wird, als Brot⸗ oder Hutzucker in der Gestalt glänzend weißen Kegels, des sogenannten „Zuckerhuts“ drittens als Puder⸗ oder Farinzucker in Form weißen Pulvers. In der guten Küche wird allgemei Hutzucker verwendet. Näheres über die culinarische Rolle universellen Nahrungsmittels anzuführen, hieße den Ple see in die Donau schütten, denn jedem Kinde ist bewußt, vom einfachen Zuckerwasser bis zum hocharomatischen liqueur, von der Ribisel bis zur Ananas, von der Mehlf bis zur Mayonnaise zahllose Speisen und Getränke nach 3 schreien wie der Hirsch nach frischem Wasser. Der 3 ist eben schlechthin unentbehrlich, und selbst in jenen verlassenen Erdenwinkeln, wo man ihn in gesonderter G. noch nicht kennt, wird er wenigstens in der Milch der T den Früchten der Erde und dem Obst der Bäume gent denn auch dort huldigt der Mensch unbewußt dem „Zucker ist süß und süß ist gesund“.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 598Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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