FeedVersöhnung
ReligionBrockhaus 1882

Versöhnung herst nach kirchlichem Sprachgebrauch die Wiederherstellung der durch die menschliche Sünde gestörten Gemeinschaft mit Gott. Die innere Unseligkeit des Schuldbewußtseins und das dadurch hervorgerufene Mißverhältnis des Gottesbewußtseins zum menschlichen Selbstbewußtsein hat schon in den ältesten Religionen, welche sittlichen Gehalt in sich tragen, das Streben erweckt, das gestörte Verhältnis zur Gottheit wiederherzustellen. Indem man sich dabei Gott selbst nach menschlicher Weise beleidigt oder zürnend vorstellte, suchte man den Zorn Gottes durch Opfer und Gebete zu sühnen. Auch die Hebräer kennen die Versöhnungsidee, auf welcher mehr oder weniger ihr ganzes Schuld- und Sühnopferwesen beruht, besonders aber die Ceremonie am großen Versöhnungsfest, bei welchem ein Bock Jahve geopfert, ein zweiter symbolisch mit den Sünden des Volks beladen in die Wüste gejagt wird. (S. Versöhnungstag.) Aber erst im Christentum trat diese Idee in den Mittelpunkt der religiösen Betrachtung. Während Jesus selbst keine andere V. mit Gott lehrte als die bußfertige Herzenserneuung und selbstverleugnende Hingabe an den Willen des himmlischen Vaters, wurde sein Kreuzestod schon von den ältesten Nazaräern als ein Sühnopfer für die Sünden des Volks gefaßt, woran sich bald der schon von Paulus ausgesprochene Gedanke reihte, daß durch Christi Blut die Feindschaft zwischen Gott und den Menschen hinweggenommen, unsere V. mit Gott und unsere Errettung von dem göttlichen Zorne vermittelt worden sei. Der Verfasser des Hebräerbriefs führte diesen Gedanken durch eine Parallele des Todes Jesu mit dem jüd. Versöhnungsfeste noch weiter aus. Hieraus entwickelte sich die kirchliche Versöhnungslehre, deren vollständige Ausführung bei Anselm von Canterbury vorliegt. Nach derselben konnte der durch die menschliche Sünde verletzten Ehre Gottes nur dadurch Genüge geschehen, daß der Gottmensch freiwillig durch seinen Tod ein Aquivalent für die von der Menschheit verschuldete Strafe bezahlte. Die Reformation steigerte diesen Gedanken noch dadurch, daß der Zorn Gottes über die Sünde nur durch ein Abstrafen Christi an unserer Statt gestillt werden konnte. Die V. ist hiernach durch das stellvertretende Strafleiden Christi bewirkt worden. Die religiösen und sittlichen Bedenken dieser Theorie führten schon im Reformationszeitalter Milderungsversuche herbei (s. Erlösung), bis der Rationalismus die ganze Vorstellung, daß Gott versöhnt werden müsse, bestritt und nur eine V. des sundigen Menschen mit Gott durch Buße und Besserung für notwendig erklärte. Die von Schleiermacher ausgegangene Theologie stellte die Versöhnungslehre hinter die Erlösungslehre zurück, wogegen Hegel gerade den spekulativen Gehalt der erstern geltend machte und die V. als den notwendigen Prozeß beschrieb, durch welchen der seinem ewigen Wesen entfremdete endliche Geist durch den Schmerz der Entzweiung hindurch zur Einheit mit dem absoluten Geiste zurückkehrte. Die neuere freie Theologie faßt die V. nicht als metaphysischen, sondern als religiös-sittlichen Vorgang im menschlichen Geistesleben; in Christi Person und Werk aber erkennt sie die geschichtliche Offenbarung der Versöhnung Gottes und des Menschen als religiöser Wahrheit für den Glauben und die thatsächliche Begründung des neuen religiösen Verhältnisses als einer religibs-sittlichen Lebensmacht in der christl. Gemeinschaft. Vgl. Baur, Die christl. Lehre von der V.y (Tüb. 1838); Ritschl, Die christl. Lehre von der Rechtfertigung und V. » (2. Aufl., 3 Bde., Bonn 1882— 83); Kreibig, Die Versöhnungslehres (Berl. 1878).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 228Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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