FeedKarl XII.
GeschichteBrockhaus 1882

Karl XII., König von Schweden, 1697 — 1718, geb. zu Stockholm 17. (27.) Juni 1682, der Sohn Karls XI., erhielt einen ziemlich guten Unterricht, brachte es in der Mathematik und in ritterlichen Übungen sehr weit und sprach geläufig deutsch und lateinisch; dagegen haßte er, wie sein Vater, das Französische. Bei dem Tode seines Vaters (1697) war er erst 15 J. alt; doch die Stände erklärten ihn für volljährig. Indes zeigte der junge König wenig Neigung für die Regierungsgeschäfte! er liebte vielmehr starke Leibesbewegungen und vornehmlich die Bärenjagd. K.s Thronbesteigung schien den eifersüchtigen Nachbarn günstig, um das im Norden übermächtige Schweden zu demütigen. Friedrich IV. von Dänemark, August II. von Polen und Zar Peter I. schlossen ein Bündnis, das den Nordischen Krieg (s. d.) zur 5168 hatte. Zuerst fielen die Dänen in das Gebiet des Herzogs von Holstein-Gottorp ein. Dieser, vermählt mit der ältesten Schwester K.s, begab sich nach Stockholm und forderte Beistand. K. schlug im Staatsrate die nachdrücklichsten Maßregeln gegen Dänemark vor und schiffte sich im Mai 1700 zu Karlskrona ein. Mit 30 Linienschiffen und einer großen Anzahl kleiner Fahrzeuge, verstärkt von einem engl.⸗holländ. Geschwader, erschien er vor Kopenhagen und war der erste, der das Land betrat, indem er, da das Ufer für die Kähne nicht tief genug war, aus einer Schaluppe ins Meer sprang und durchwatete, wodurch er seine Soldaten anfeuerte, dasselbe zu thun. Die Dänen zogen sich vor der überlegenen feindlichen Macht zurück, und Kopenhagen sollte belagert werden, als der zu Travendahl unterhandelte Nechte 8. Aug. 1700 den Herzog von Holstein in alle Rechte, deren man ihn hatte berauben wollen, wieder einsetzte. Kaum war der Friede mit Dänemark zt, sind unter C aufzusuchen. abgeschlossen, so eilte K., den Angriffen Augusts II. und Peters I. zu begegnen. Jener belagerte Riga, dieser bedrohte Narwa und das Land um den Finnischen Meerbusen. K. ließ 20000 Mann nach Livland übersetzen und ging den Russen entgegen, die er, 50000 Mann stark, unter den Mauern von Narwa in einem befestigten Lager fand. Etwa 8000 Schweden stellten sich 20. Nov. 1700 unter dem Feuer der Russen in Schlachtordnung, und in weniger als einer Viertelstunde war das russ. Lager erstürmt. Mehr als 18000 Russen blieben auf dem Platze oder warfen sich in die Narwa; die andern wurden gefangen oder zerstreut. Nach diesem Siege setzte K. über die Düng (9. Juli 1701), griff die Verschanzungen der Sachsen an und trug auch über sie einen vollständigen Sieg davon. K. hätte jetzt einen Frieden schließen können, der ihn zum Schiedsrichter des Nordens gemacht haben würde; statt dessen verfolgte er den König August II. nach Polen, um ihn zu entthronen. Umsonst versuchte August mit ihm in Unterhandlungen zu treten; vergebens bemühte sich selbst die schöne Gräfin Königsmark, ihn nur zu sprechen. Der Krieg dauerte fort; die Schweden erfochten einen glänzenden Sieg zu Klissow (9. Juli 1702), und 1703 war ganz Polen von ihnen besetzt. Der Kardinal-Primas erklärte hierauf den poln. Thron für erledigt, und durch K.s Einfluß ward Stanislaus Leszezynski als König erwählt. August hoffte wenigstens in Sachsen sicher zu sein, aber K. verfolgte ihn auch hier und diktierte 1706 zu Altranstädt die Bedingungen des Friedens. Der Livländer Patkul (s. d.), der das Bündnis gegen Schweden unterhandelt und abgeschlossen und russ. Gesandter in Dresden war, mußte ihm ausgeliefert werden und wurde 1707 gerädert. Nachdem der Kaiser auf seine Forderung den Protestanten in Schlesien volle Gewissensfreiheit zugestanden, verließ K. im Sept. 1707 mit seinem 43000 Mann starken Heere Sachsen, wo 6000 Mann zum Schutze des Königs von Polen zurückblieben, um auf dem kürzesten Wege gegen Moskau zu gehen. In der Gegend von Smolensk änderte er aber auf die Vorschläge des Kosaken-Hetmans Mazeppa (s. d.) seinen Plan, indem er nach der Ukraine zog, in der Hoffnung, daß die Kosaken sich mit ihm verbinden würden. Da es aber Peter I. gelang, das Land der Kosaken zu verwüsten, so konnte der geächtete Mazeppa die versprochene Hilfe nicht verschaffen. Die beschwerlichen Märsche, der Mangel an Lebensmitteln, die beständigen Angriffe des Feindes und die strenge Kälte schwächten K.s Heer außerordentlich. General Lewenhaupt, welcher Verstärkungen und Lebensmittel aus Livland herbeiführen sollte, langte nur mit wenigen, durch den Marsch und beständige Gefechte mit den Russen erschöpften Truppen an. In dieser Lage sollte das mit Vorräten reich versehene Pultawa genommen werden. Allein K. wurde beim Rekognoszieren gefährlich am Schenkel verwundet, mußte daher in der Schlacht 28. Juni (8. Juli) 1709 sich tragen lassen, was ihn verhinderte, immer da zu erscheinen, wo seine persönliche Gegenwart nötig war. Dies und noch mehr den Mangel an Übereinstimmung zwischen den Generalen Rehnsköld und Lewenhaupt kann man als die Hauptursache der Niederlage der Schweden ansehen. K. entfloh nebst Mazeppa, mußte trotz seiner Wunde mehrere Meilen zu Fuß gehen und fand endlich, nachdem er drei Tage eine Wüste durchirrt, zu Bender auf dem türk. Gebiete Schutz. Jetzt erhoben sich K.s Feinde mit neuer Hoffnung. August II. widerrief den Vertrag von Aülransedt Peter J. drang in Livland ein und Friedrich IV. von Dänemark landete in Schonen. Die Regentschaft in Stockholm nahm inzwischen Maßregeln, das alte schwed. Gebiet zu schützen. Der General Stenbock schlug mit 14000 Mann uneingeübter und schlecht bewaffneter Bauern die ganze dän. Armee 10. März 1710 bei Helsingborg und zwang sie, Schonen zu räumen. Man sendete einige Heeresabteilungen nach Finland, um die Russen aufzuhalten, die aber gegen den an Zahl weit überlegenen Feind nichts vermochten. K. unterhandelte indes zu Bender mit der Pforte und wußte sie zu bewegen, den Russen den Krieg zu erklären. Am Pruth kam es 1. Juli 1711 zur Schlacht. Peter schien dem Untergange nahe, als seiner Gemahlin Mut und Klugheit den Frieden herbeiführte, in welchem aber K.s nicht gedacht wurde. Dieser entwarf gleichwohl in Bender neue Pläne und bat earß seine Agenten die Pforte um Unterstützung gegen seine Feinde. Aber Rußlands Agenten waren nicht minder thätig, die Pforte gegen ihn einzunehmen, und letztere erteilte dem Seraskier von Bender den Auftrag, den König zur Abreise zu nötigen und, falls er sich weigere, ihn tot oder lebendig nach Adrianopel zu bringen. Auf die Nachricht hiervon beschloß K., mit etwa 300 Mann, aus denen sein Gefolge bestand, der Macht der Pforte zu trotzen und sein Schicksal mit dem Schwerte in der Hand zu erwarten. Als sein Aufenthaltsort zu Varnitza bei Bender von den Türken angegriffen wurde, verteidigte er sich gegen ein ganzes Heer und wich nur Schritt vor Schritt. Das Haus geriet in Brand, und er war im Begriff, es zu verlassen, verwickelte sich aber in seine Sporen, fiel und wurde 1. Febr. 1713 gefangen. Bald darauf traf Stanislaus in Bender ein, um den König zu bitten, zu dem Vertrage, den er sich genötigt sah mit August abzuschließen, seine Einwilligung zu geben, die aber K. standhaft verweigerte. Die Türken führten ihn nun von Bender erst nach Timurtasj und dann nach Demotika bei Adrianopel. Hier brachte er zwei Monate im Bett zu, indem er sich krank stellte. Endlich überzeugte er sich, daß er von der Pforte keine Hilfe zu hoffen habe, sandle daher eine Abschiedsgesandtschaft nach Konstantinopel und reiste verkleidet mit zwei Offizieren ab. Ermattet kam er 11. (22.) Nov. 1714 nachts um 1 Uhr vor Stralsund an. Kurze Zeit darauf wurde diese Stadt durch eine vereinigte Armee von Dänen, Sachsen, Preußen und Russen belagert und mußte 23. Dez. 1715 übergeben werden, worauf sich K. nach Lund in Schonen begab und Maßregeln traf, die Küsten zu sichern. Dann griff er Norwegen an. Damals war der Baron von Görtz, dessen kühne und geistreiche Entwürfe der Lage des Königs entsprachen, dessen Vertrauter. Nach dem Rate desselben sollte der König Peter d. Gr. durch bedeutende Abtretungen für Schweden gewinnen, sich Norwegens bemächtigen und von dort aus in Schottland landen, um Georg I. zu vertreiben, der sich gegen K. erklärt hatte. Görtz eröffnete neue Hilfsquellen zur Fortsetzung des Kriegs und unterhandelte auf Aland mit den Bevollmächtigten des Zaren. Schon war Peter gewonnen und ein Teil Norwegens erobert: das Glück Schwedens schien eine günstige Wendung nehmen zu wollen. K. belagerte Friedrichshall, als ihn 30. Nov. (11. Dez.) 1718, während er im Laufmißt, sind unter C aufzusuchen. raben, an die Brustwehr gelehnt, auf die Arbeiter m eine Falkonettkugel an den Kopf traf. dan fand ihn tot auf, seine Hand am Degen, in seiner Tasche das Bildnis Gustav Adolfs und ein Gebetbuch. Nach neuern Forschungen ist die früher allgemein verbreitete Ansicht, daß die tötende Kugel von schwed. Seite kam, irrtümlich. Mit K.s Tode trat Schweden aus der Reihe der Großmächte. Ihm folgte in der Regierung seine mit dem Erbprinzen von Hessen, Friedrich, vermählte Schwester, Ulrike Cleonore. Am 11. Dez. 1868, dem 150. Jahrestage seines Todes, wurde K.s Kolossalstatue (von Molin) in Stockholm enthüllt. Festigkeit, Tapferkeit und im ganzen Gerechtigleitsliebe waren Hauptzüge in K.s Charakter; dabei aber war er auch von unbeugsamem Starrsinn. Seine Lebensweise war sehr einfach. Er vermied alle Zerstreuungen; der Wein war von seiner Tafel verbannt und grobes Brot zuweilen seine einzige Speise. Seine Garderobe bestand aus einem einzigen blauen Rock mit kupfernen Knöpfen. Fortwährend trug er große, bis über die Knie reichende Stiefeln und Büffelhandschuhe, und gleich seinen Soldaten schlief er im Lager, in seinen Mantel gehüllt, auf der Erde. Litteratur. K.s Geschichte schrieb sein Kaplan Norberg; Adlerfeld gab militärische Denkwürdigleiten über ihn heraus; interessant, aber weniger zuverlässig ist Voltaires Histoire de Charles XIIy. Vgl. ferner Lundblad, Konung Carls XII historiao (2 Bde., Stockh. 1830; deutsch von Jensen, 2 Bde., Hamb. 1835—40); Oskar II., KK. XII., als König, Krieger und Menscho (aus dem Schwedischen von Jonas, 2. Aufl., Berl. 1875); von Sarauw, Die Feldzüge K.s XII.y (Lpz. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 122Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 3

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6